46 Jahre Budō – und immer noch am Anfang

46 Jahre Budō – und immer noch am Anfang

Früher war nicht alles besser – aber vieles hat uns stärker gemacht.

Oft höre ich den Satz:
„Früher war doch alles besser.“

Nein.

Es war nicht besser.
Es war anders.
Und oftmals war es deutlich härter.

Die Suche nach Wissen war mühsam. Es gab kein Internet, kein ChatGPT, keine Smartphones und keine sozialen Medien. Wollte man einen Lehrgang besuchen, fuhr man mit der Regionalbahn, dem Bus oder dem Fahrrad. Ein „Papa-Taxi“ gab es nur selten.

Vielleicht waren genau das unsere ersten kleinen Schritte in die Selbstständigkeit.

Ich besaß nur einen einzigen Karate-Gi. Meine Oma hatte ihn aus Segeltuch für mich genäht.

Wir lebten zu fünft in einer kleinen Zweizimmerwohnung.

Und trotzdem fühlte ich mich im Dōjō reich.

Nicht wegen des Geldes.

Sondern weil ich dort etwas fand, das unbezahlbar war:

Gemeinschaft.
Disziplin.
Orientierung.
Respekt.
Und eine Leidenschaft, die mein Leben bis heute begleitet.

Dort drehte sich alles um das Training.

Dort war ich wirklich lebendig.

Heute beobachte ich oft eine andere Entwicklung. Alles soll möglichst schnell gehen.

Schnelle Belohnung.
Schnelle Erfolge.
Möglichst wenig Anstrengung.

Wenn ich samstags unterrichte, gebe ich meine Freizeit ganz bewusst. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich überzeugt bin, dass Kinder heute Bewegung, Orientierung und echte Werte mehr denn je brauchen.

Doch häufig stehen Eltern bereits zwanzig Minuten vor Trainingsende vor der Tür. Sie schauen durch die Scheibe, zeigen auf die Uhr und signalisieren:

„Schnell, wir müssen weiter.“

Klavierunterricht.
Chor.
Der nächste Termin.
Die nächste Verpflichtung.

Hetze statt Hingabe.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Ich weiß, dass viele Familien versuchen, ihren Alltag so gut wie möglich zu organisieren.

Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir in einer Welt leben, in der Quantität wichtiger geworden ist als Qualität.

Viele Dinge gleichzeitig.

Aber nur selten eine Sache mit voller Hingabe.

Ich wünsche mir, dass Kinder wieder lernen dürfen, eine Sache wirklich gut zu machen.

Denn wir Trainer vermitteln weit mehr als Techniken.

Wir vermitteln Werte.

Respekt.
Disziplin.
Geduld.
Verantwortung.
Durchhaltevermögen.
Und die Schönheit der Kampfkunst.

Nach vier Samstagen fragt mich manchmal ein Vater:

„Wann macht mein Sohn die nächste Gürtelprüfung? Er trainiert doch schon einen ganzen Monat.“

Dann antworte ich:

„Wir haben vier Samstage trainiert. Das sind insgesamt vier Stunden. Ihr Sohn war dreimal da und wurde zweimal zwanzig Minuten früher abgeholt.“

Eine Gürtelprüfung ist für mich niemals das eigentliche Ziel.

Ich kann einem Kind sehr viel beibringen. Aber dafür brauche ich drei Dinge:

Zeit.
Hingabe.
Kontinuität.

Vielleicht bin ich deshalb für manche Menschen der falsche Lehrer.

Das ist in Ordnung.

Mein erster Meister gab mir einen Rat, der mich bis heute begleitet:

„Mike, mache eine Sache richtig. Dann wirst du sie verstehen – und irgendwann lieben.“

Genau diesen Gedanken versuche ich heute in der Bärenschmiede weiterzugeben.

Nicht schneller.
Nicht lauter.
Sondern besser.

Und genau deshalb sprechen wir im Dōjō so oft über Tetsu no Koshi (鉄の腰) – die eiserne Hüfte.

Ein starkes Karate beginnt nicht mit einer starken Faust.

Es beginnt nicht mit einem spektakulären Tritt.

Es beginnt mit einem starken Zentrum.

Erst wenn Körper, Geist und Haltung langsam zu einer Einheit werden, entstehen Stabilität, Kraft und echtes Karate.

Und vielleicht verstehe ich nach all den Jahren endlich etwas, das man einem jungen Karateka kaum erklären kann:

Budō ist kein Wettlauf zum Ziel.

Ich begann 1980 mit Karate.

Heute, 46 Jahre später, trainiere ich noch immer.

Ich habe Grade erreicht, unterrichtet, gelernt, Fehler gemacht, neu begonnen und unzählige Stunden im Dōjō verbracht.

Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl:

Ich stehe noch immer am Anfang.

Denn mit jeder Antwort entstehen neue Fragen.
Mit jeder Kata öffnet sich eine weitere Tür.
Mit jeder Erkenntnis beginnt ein neuer Abschnitt.

Vielleicht bedeutet Meisterschaft deshalb nicht, irgendwann alles zu wissen.

Vielleicht bedeutet Meisterschaft, nach 46 Jahren noch immer neugierig genug zu sein, Schüler zu bleiben.

Der Weg ist nicht der schnellste.

Aber er ist der nachhaltigste.

**46 YEARS OF BUDŌ.

STILL LEARNING.
STILL TRAINING.
STILL A STUDENT.
THE WAY NEVER ENDS.**

OSU!

Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede 🐻🥋