Kapitel 14
Verstehen statt Wiederholen
Im Laufe meines Budō-Weges hatte ich das große Privileg, an zahlreichen Lehrgängen mit japanischen Großmeistern teilzunehmen. Für uns Dan-Träger waren diese Begegnungen immer etwas Besonderes. Wir hofften, nicht nur die äußere Form einer Kata zu verbessern, sondern einen Blick hinter den Vorhang werfen zu dürfen – dorthin, wo die eigentlichen Geheimnisse verborgen liegen.
Wir wollten verstehen.
Nicht nur wissen, wie eine Technik ausgeführt wird, sondern warum sie genau so ausgeführt wird.
Ich erinnere mich an einen Lehrgang, bei dem wir die Heian Yondan immer wieder liefen. Einmal. Zweimal. Zehnmal. Zwanzigmal.
Als erfahrene Karateka warteten viele von uns darauf, dass nun die entscheidenden Erklärungen folgen würden.
Wir erwarteten das Bunkai.
Die Anwendungen.
Die Hintergründe.
Die Prinzipien.
Schließlich handelte es sich um einen offiziellen Lehrgang, der sogar mit der Verlängerung der Trainerlizenz verbunden war.
Doch stattdessen trat die Übersetzerin immer wieder nach vorne und sagte:

„Der Meister zeigt nicht alles, was er kann. Das gehört nicht zum Inhalt dieses Lehrgangs.“
Dieser Satz beschäftigte mich lange.
Warum zeigt ein Meister nicht alles?
Ist es Teil der traditionellen japanischen Unterrichtskultur?
Werden bestimmte Inhalte nur an enge Schüler weitergegeben?
Oder gehört ein wenig Geheimhaltung einfach zur Geschichte des Budō?
Vielleicht gibt es aber noch eine ganz andere Antwort.
Vielleicht kennt auch kein Meister jede einzelne Interpretation.
Vielleicht ist selbst für ihn der Weg niemals abgeschlossen.
Denn auch ein Großmeister bleibt ein Lernender.
Diese Gedanken führten mich zurück zu meinen Besuchen in japanischen Dōjō.
Dort herrschte eine beeindruckende Disziplin.
Wenn der Meister eine Technik vormachte, wurde sie ausgeführt.
Ohne Diskussion.
Ohne Widerspruch.
Ohne lange Erklärungen.
Das unausgesprochene Gesetz lautete:
„Mach das, was der Meister zeigt.“
Keine Fragen.
Keine Debatten.
Trainiere.
Gerade in den 1980er- und 1990er-Jahren war diese Form des Unterrichts weit verbreitet.
Und sie hatte ihre Berechtigung.
Sie schuf Respekt.
Sie schuf Ordnung.
Sie schuf Disziplin.
Doch irgendwann begann ich, meinen eigenen Weg zu suchen.
Als ich nach Europa zurückkehrte und in Deutschland unterrichtete, begegnete ich einer anderen Denkweise.
Hier wollten viele Karateka verstehen.
Sie wollten wissen:
- Warum funktioniert diese Technik?
- Welche Alternativen gibt es?
- Kann dieselbe Bewegung auch etwas völlig anderes bedeuten?
- Gibt es mehrere Ebenen einer Kata?
Früher hätte ich vielleicht geglaubt, diese beiden Welten stünden im Widerspruch.
Heute sehe ich das anders.
Es sind lediglich zwei verschiedene Wege des Lernens.
Der eine beginnt mit Gehorsam.
Der andere mit Neugier.
Beide können zum selben Ziel führen.
Heute lese ich eine Kata wie ein Buch.
Ich lese eine Landkarte.
Ich lese eine Technik.
Ich lese Bassai Dai.
Jede Bewegung ist für mich ein Satz.
Jede Gewichtsverlagerung ein Absatz.
Jeder Richtungswechsel ein neues Kapitel.
Und plötzlich wird mir klar:
Die eigentliche Bedeutung liegt nicht in der äußeren Form, sondern zwischen den Zeilen.
Bassai Dai wird nicht dadurch besser, dass ich sie zwanzigmal hintereinander auf einem Gasshuku laufe.
Heian Yondan wird nicht tiefer, weil ich sie hundertmal wiederhole.
Natürlich verbessert Wiederholung die Präzision.
Der Stand wird sauberer.
Die Hüfte arbeitet exakter.
Der Rhythmus wird flüssiger.
Doch Präzision allein bedeutet noch lange kein Verständnis.
Ich kann eine Sprache perfekt aussprechen und trotzdem kein einziges Wort verstehen.
Genauso kann ich eine Kata technisch makellos laufen und dennoch ihre eigentliche Botschaft niemals erkennen.
Die wahren Geheimnisse einer Kata liegen nicht in endlosen Wiederholungen.
Sie liegen in ihrer Essenz.
Im Erkennen ihrer Prinzipien.
Im Beobachten.
Im Hinterfragen.
Im Experimentieren.
Im Scheitern.
Und schließlich im Verstehen.
Für mich ist Bassai Dai deshalb keine starre Form.
Sie ist ein Forschungsprojekt.
Ein lebendiges Labor.
Ein Buch, das ich seit Jahrzehnten lese – und von dem ich dennoch auf jeder Seite etwas Neues entdecke.
Vielleicht liegt genau darin der größte Unterschied zwischen Training und Lernen.
Training wiederholt.
Verstehen verändert.
Und genau an diesem Punkt beginnt für mich das wahre Karate.
Nicht dann, wenn ich eine Technik perfekt kopiere.
Sondern dann, wenn ich ihren Sinn erkenne und sie zu meiner eigenen Wahrheit mache.
Die Bärenschmiede lebt nicht von Geheimnissen.
Sie lebt vom Forschen.
Vom Mut, Fragen zu stellen.
Vom Mut, bekannte Wege zu verlassen.
Und von der Bereitschaft, jeden Tag aufs Neue zu lernen.
Denn der wahre Meister ist nicht derjenige, der alle Antworten kennt.
Der wahre Meister ist derjenige, der niemals aufhört, die richtigen Fragen zu stellen.
Du bist da.
Die Kata ist da.
Das Verständnis ist der Weg.
OSU
Renshi Mike Stein
