Kapitel 18
Die Prüfung zum 2. Dan – Honbu Dōjō, Japan 1995
Drei Jahre waren vergangen.
Drei Jahre voller täglicher Kata und Kumite, voller Zweifel und neuer Erkenntnisse. Drei Jahre, in denen Bassai Dai und mein Kiai zu treuen Begleitern geworden waren. Drei Jahre, in denen ich verstand, dass Karate nicht aus einzelnen Prüfungen besteht, sondern aus unzähligen kleinen Schritten, die sich irgendwann zu einem Weg verbinden.
Nach meiner bestandenen Prüfung zum 1. Dan glaubte ich für einen kurzen Moment, angekommen zu sein. Doch je mehr ich trainierte, desto deutlicher wurde mir, dass jeder erreichte Gipfel nur den Blick auf den nächsten freigibt.
Der Weg war nicht zu Ende.
Er hatte gerade erst begonnen.
1995 kehrte ich auf Einladung meines japanischen Freundes erneut nach Japan zurück. Die japanischen Meisterschaften bildeten den Rahmen dieser Reise. Das Honbu Dōjō war erfüllt von Spannung, Respekt und dem Geist unzähliger Generationen von Karateka.
Ich ahnte nicht, dass mich dort die bisher größte Herausforderung meines Karate-Lebens erwarten würde.
Nach dem Training baten mich mein Mentor und mein japanischer Meister zu sich.
Ohne Umschweife sagte er:
„Du wirst heute die Prüfung zum zweiten Dan ablegen.“
Mein Herz blieb stehen.
Mit trockenem Mund und pochendem Herzen antwortete ich:
„Sensei … ich bin noch nicht bereit. Ich brauche mehr Zeit.“
Er schaute mich ruhig und durchdringend an.
Dann sprach er die Worte, die sich für immer in mein Herz eingebrannt haben:
„Das entscheide ich. Du legst heute deine Prüfung ab.“
In diesem Augenblick durchfuhr mich eine Welle aus Panik, Demut, Angst und tiefer Dankbarkeit.
Mein Magen krampfte sich zusammen.
Meine Hände wurden eiskalt.
Und gleichzeitig empfand ich eine große Ehre.
Diese Meister glaubten an mich – mehr, als ich in diesem Moment selbst an mich glaubte.
Der große Dōjō des Honbu war an diesem Abend von beinahe sakraler Stille erfüllt.
Die Luft roch nach altem Holz, Schweiß, Weihrauch und jahrzehntealter Tradition.
Das harte Neonlicht spiegelte sich auf dem glänzenden Boden und warf lange Schatten an die hohen Holzwände.
Vor mir saß die Prüfungskommission – eine Reihe ernster, hochkonzentrierter Meister.
Viele von ihnen hatten noch unter den alten Generationen trainiert.
Ihre Blicke waren scharf wie Schwerter.
Kein unnötiges Wort fiel.
Ich stand allein in der Mitte des Dōjō.
Mein Herz schlug kräftig, aber ruhig.
Ich verbeugte mich tief – zuerst vor dem Shōmen, dann vor der Kommission.
In diesem Moment spürte ich plötzlich die Nähe meiner Oma, meines Vaters und meines ersten schweren, selbstgenähten Segeltuch-Gi.
Sie waren nicht im Raum.
Und doch waren sie bei mir.
„Enpi.“

Die Stimme des Hauptprüfers durchschnitt die Stille.
Ich trat in die Ausgangsposition, schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und begann.
Die Kata explodierte aus mir heraus.
Der schnelle Wechsel zwischen harten und weichen Techniken, die eleganten Bewegungen der Schwalbe, das tiefe Absenken und das explosive Hochschießen des Körpers – alles floss wie aus einer einzigen Quelle.
Schweiß lief mir in Strömen über das Gesicht.
Mein Atem blieb tief.
Ibuki direkt aus dem Hara.
Dann kam der Sprung.
Ich sammelte alle Kraft im Unterleib, stieß mich kraftvoll vom Boden ab und flog hoch in die Luft.
Für einen winzigen Augenblick war ich schwerelos.
Zeit existierte nicht mehr.
In der Luft verschmolzen Arm, Bein, Körper und Geist zu einer einzigen Bewegung.
Als ich landete, hallte das Geräusch meiner nackten Füße laut durch den stillen Dōjō.
In diesem einen Sprung lag mein gesamter Weg.
All die Zweifel.
All die Schmerzen.
All die Opfer.
All die Liebe.
Und der unbändige Wille, niemals aufzugeben.
Nach dem letzten, alles durchdringenden Kiai blieb ich regungslos stehen.
Die Stille war überwältigend.
Ich verbeugte mich tief.
Dann begann das Kumite.
In diesem Augenblick schaltete etwas in mir um.
Ich war nicht mehr nur Mike.
Ich war reines Feuer.
Mein Puls dröhnte in den Ohren.
Das Blut rauschte heiß durch meine Adern.
Ich versank in einer tiefen Trance.
Es gab keinen Zuschauer.
Keine Prüfungskommission.
Kein Honbu.
Nur meinen Gegner.
Meinen Atem.
Und meinen Willen.
Meine Mae Geri kamen wie Blitze.
Unglaublich schnell.
Hart.
Explosiv.
Jeder Treffer gab mir Flügel.
Jeder eingesteckte Schlag machte mich entschlossener.
Ich kämpfte nicht gegen meinen Gegner.
Ich kämpfte für meine Oma.
Für meinen Vater.
Für meinen ersten Gi.
Für alle Morgenstunden.
Für jedes Training.
Für den Jungen, der einmal mit einem Stück Segeltuch begonnen hatte.
Als das Kumite endete, stand ich schwer atmend in der Mitte des Dōjō.
Die Hände auf den Knien.
Schweiß tropfte in dicken Tropfen auf den alten Holzboden.
Mein ganzer Körper zitterte vor Erschöpfung.
Mein Gi war vollkommen durchnässt.
In diesem Moment erhob sich der Hauptmeister.
Langsam kam er auf mich zu.
Seine sonst so strenge Miene zeigte einen feinen Riss.
Seine Augen wurden weich.
Ein tiefes, warmes Leuchten lag darin.
Er blieb direkt vor mir stehen.
Schaute mir lange in die Augen.
Als würde er meinen gesamten Weg sehen.
Vom Jungen mit dem selbstgenähten Segeltuch-Gi bis zu diesem Augenblick im Honbu.
Dann legte er mir langsam seine Hand auf die Schulter.
Ich spürte die Schwielen seiner jahrzehntelangen Arbeit.
Einen langen Moment sagte er nichts.
Schließlich sprach er mit leiser, bewegter Stimme:
„Gut gemacht … Kiai.“
In diesen zwei Worten lag alles.
Respekt.
Anerkennung.
Stolz.
Und eine stille väterliche Wärme.
Er drückte meine Schulter noch einmal fester.
Fast wie ein unausgesprochenes:
„Ich bin stolz auf dich.“
Währenddessen saßen die anderen Meister noch immer regungslos in ihrer Reihe.
Doch hinter ihren unbewegten Gesichtern arbeiteten ihre Gedanken.
Der älteste Meister dachte:
„Dieser Ausländer besitzt den Geist. Nicht nur Technik. Er trägt Feuer im Hara.“
Ein anderer beobachtete mich aufmerksam:
„Seine Mae Geri sind gefährlich schnell. Fast zu aggressiv. Aber sein Kiai kommt aus der Tiefe. Er wird noch viel leiden müssen – und gerade deshalb weit kommen.“
Ein jüngerer Meister empfand stille Bewunderung:
„Er kämpft mit seiner ganzen Geschichte. Man sieht den selbstgenähten Gi noch immer an ihm, obwohl er ihn heute nicht trägt.“
Ein weiterer alter Meister dachte:
„Er hat Enpi nicht nur gezeigt. Er hat sie gelebt. Sein Sprung war kein Sprung. Er war der Schrei seiner Seele.“
Sie sahen keinen Prüfling.
Sie sahen einen Menschen, der als rohes Eisen gekommen war und sich in der Schmiede des Honbu erneut hatte formen lassen.
Der Hauptmeister nickte langsam in Richtung der Kommission.
Fast unmerklich.
Doch in diesem Nicken lag die gemeinsame Anerkennung aller Meister.
In diesem heiligen Augenblick spürte ich, dass ich nicht nur eine Prüfung bestanden hatte.
Ich hatte die Herzen einer Generation von Budōka berührt.
Tränen stiegen mir in die Augen.
Nicht aus Schwäche.
Sondern aus tiefer Dankbarkeit.
Der Weg der Bärenschmiede hatte einen weiteren Hammerschlag erhalten.
Und ich wusste:
Der Stahl war noch lange nicht fertig geschmiedet.
OSU
Renshi Mike Stein
