Meine Suche nach der Identität des Karate-dō

Meine Suche nach der Identität des Karate-dō

Die Reise nach Japan – mehr als eine Dan-Prüfung

Als ich 1992 zum ersten Mal nach Japan reiste, glaubte ich, ein klares Ziel vor Augen zu haben.

Ich wollte den 1. Dan bestehen.

Ich wollte im Honbu Dōjō trainieren.

Ich wollte die großen japanischen Meister erleben und das Karate an seiner Quelle kennenlernen.

Doch heute, viele Jahrzehnte später, weiß ich, dass diese Reise viel mehr war als die Vorbereitung auf eine Prüfung. Sie war der Beginn einer lebenslangen Suche – der Suche nach der Identität des Karate-dō und letztlich nach mir selbst.

Schon die Anreise war ein Abenteuer. Von Frankfurt aus führte mich der Flug über mehrere Zwischenstationen bis nach Tokio. Für einen jungen Karateka aus Deutschland war diese Reise wie der Aufbruch in eine andere Welt. Ich kannte Japan bis dahin nur aus Büchern, Zeitschriften und den unzähligen VHS-Kassetten, die wir im Dōjō immer wieder ansahen und Bild für Bild analysierten.

Meine Unterkunft lag etwa fünfzig Kilometer außerhalb von Tokio bei einer japanischen Gastfamilie. Jeden Morgen fuhr ich mit der Metro in die riesige Metropole. Zwischen Tausenden Pendlern stand ich mit meiner Sporttasche und meinem Gi, beobachtete die Menschen und versuchte, ihre Kultur zu verstehen. Alles wirkte ruhig, diszipliniert und gleichzeitig voller Energie.

Schon nach wenigen Tagen wurde mir bewusst, dass ich nicht nur ein fremdes Land betreten hatte. Ich war in eine andere Denkweise eingetreten.

Während meines Aufenthalts fand eine große internationale Karateveranstaltung statt. Karateka aus vielen Ländern waren nach Japan gekommen, und unter ihnen befanden sich Kämpfer und Trainer, die später auch in Deutschland und Europa große Bekanntheit erlangen sollten. Für mich war es überwältigend, diese Menschen nicht mehr nur aus Büchern oder von Videokassetten zu kennen, sondern sie auf der Matte zu erleben.

Ich beobachtete jede Bewegung.

Jeden Gruß.

Jeden Stand.

Jede Verbeugung.

Ich versuchte nicht nur zu sehen, sondern zu verstehen.

Diese Begegnungen motivierten mich mehr, als es jede Medaille hätte tun können. Sie ließen in mir den Wunsch wachsen, meine bevorstehende Dan-Prüfung nicht einfach nur zu bestehen, sondern mein Bestes zu geben – als Zeichen des Respekts vor meinen Lehrern, meiner Familie und vor dem Weg, den ich bis hierher gegangen war.

Damals glaubte ich noch, Karate bestehe aus den drei bekannten Säulen: Kihon, Kata und Kumite.

So hatte man es uns beigebracht.

So stand es in nahezu jedem Lehrbuch.

Doch je länger ich in Japan trainierte, desto stärker begann dieses Bild zu bröckeln.

Ich sah Meister, deren Kihon bereits wie Kumite aussah.

Ich sah Kämpfer, deren Kumite aus der Kata geboren wurde.

Ich sah Kata, in denen jede Bewegung bereits den Geist des freien Kampfes in sich trug.

Langsam begriff ich etwas, das mein gesamtes späteres Karate verändern sollte:

Es gibt keine drei Säulen.

Es gibt nur eine.

Kihon ist Kata.

Kata ist Kumite.

Kumite ist Kihon.

Alles entspringt derselben Quelle und fließt wieder in sie zurück.

Die Trennung existiert nur als methodische Hilfe für Anfänger. Sie schafft Ordnung im Unterricht und erleichtert den Einstieg in die Kampfkunst. Doch je weiter man auf dem Weg des Budō voranschreitet, desto mehr lösen sich diese künstlichen Grenzen auf.

Der Geist bleibt derselbe.

Der Körper bleibt derselbe.

Der Atem bleibt derselbe.

Und auch das Ziel bleibt dasselbe.

Nicht die Perfektion einer einzelnen Technik.

Sondern die Verschmelzung aller Elemente zu einer Einheit.

Heute weiß ich, dass genau diese Erkenntnis der eigentliche Beginn meines persönlichen Karate war.

Nicht die bestandene Dan-Prüfung.

Nicht der schwarze Gürtel.

Nicht die Anerkennung durch die Meister.

Sondern die Einsicht, dass alles miteinander verbunden ist.

Kata, Kihon und Kumite sind keine drei Wege.

Sie sind ein einziger Weg.

Und dieser Weg beginnt und endet im eigenen Geist.

Vielleicht war genau das die wichtigste Lektion meiner ersten Reise nach Japan.

Ich reiste dorthin, um den 1. Dan abzulegen.

Doch in Wahrheit begann dort etwas viel Größeres.

Dort begann meine Suche nach der Identität des Karate-dō.

Und diese Suche dauert bis heute an.

OSU

Renshi Mike Stein