🥋 VON DER DRUCKPLATTE ZUR KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ

Gedanken über Wissen, Bücher und die Verantwortung des Lehrers
Manchmal entsteht ein Gedanke an einem ganz unerwarteten Ort.
Als ich über Gichin Funakoshi und den 1. September 1923 las, blieb ich an einem kleinen Detail hängen:
Die Druckplatten seines ersten Karate-Buches wurden beim Großen Kantō-Erdbeben zerstört.
Druckplatten.
Dieses Wort erinnerte mich sofort an einen meiner Besuche im Gutenberg-Museum in Mainz.
Dort wird plötzlich greifbar, wie aufwendig es früher war, Gedanken auf Papier zu bringen und Wissen zu vervielfältigen. Buchstabe für Buchstabe. Seite für Seite. Druck für Druck.
Heute sitze ich vor einem Computer.
Ich habe einen Gedanken über Karate, einen Meister, eine Kata oder ein historisches Ereignis. Ich kann recherchieren, Quellen miteinander vergleichen, alte Zusammenhänge suchen und mit Unterstützung künstlicher Intelligenz meine Gedanken ordnen und daraus einen Beitrag oder sogar ein Buch entwickeln.
Was heute Stunden dauern kann, konnte früher Wochen, Monate oder Jahre Arbeit bedeuten.
Und genau deshalb hat mich die Geschichte von Funakoshis verlorenen Druckplatten so beschäftigt.
Funakoshi war Lehrer.
Sein Wissen befand sich zunächst in ihm selbst: in seiner Erfahrung, seinem Training, seinen Lehrern und seinen Erinnerungen.
Um dieses Wissen weiterzugeben, musste er unterrichten.
Wenn der Schüler nicht vor ihm stand, musste er schreiben.
Und wenn daraus ein Buch entstehen sollte, begann eine völlig andere handwerkliche Arbeit.
Es gab keine Datei.
Kein Backup.
Keine Cloud.
Kein Internet.
Kein YouTube.
Keine Suchmaschine.
Und natürlich keine künstliche Intelligenz, die innerhalb weniger Augenblicke dabei helfen konnte, Informationen zu ordnen und historische Zusammenhänge sichtbar zu machen.
📖 Gutenberg brachte mich zum Nachdenken
Wir Mainzer leben an einem besonderen Ort der Geschichte.
Mit Johannes Gutenberg verbindet unsere Stadt eine Revolution der Wissensvermittlung.
Seine berühmte Bibel steht sinnbildlich dafür, was geschah, als Bücher durch den Buchdruck in wesentlich größerer Zahl und gleichmäßiger hergestellt werden konnten.
Stellt euch einmal gedanklich vor, eine solche Arbeit wäre kurz vor ihrer Vervielfältigung durch Feuer zerstört worden.
Nicht das Wissen selbst wäre verschwunden.
Aber eine wichtige Brücke zu seiner Verbreitung.
Und genau das sehe ich auch in der Geschichte Funakoshis.
Am 1. September 1923 wurden Druckplatten zerstört.
Aber der Lehrer war noch da.
Das Wissen war noch da.
Die Schüler waren noch da.
Und deshalb ging der Weg weiter.
🥋 Heute besitzen wir andere Werkzeuge
Manchmal werde ich gefragt, warum ich schreibe.
Warum Beiträge?
Warum E-Books?
Warum Bücher?
Warum Webseiten?
Warum Videos?
Warum Online-Training?
Und warum nutze ich dabei auch moderne Werkzeuge wie künstliche Intelligenz?
Meine Antwort ist eigentlich sehr einfach:
Weil Wissen weitergegeben werden muss.
KI trainiert keine Kata für mich.
Sie schwitzt nicht für mich.
Sie korrigiert nicht die Jahrzehnte meines eigenen Trainings.
Und sie ersetzt keinen Sensei.
Aber sie kann mir helfen, Gedanken zu sichern, Wissen zu recherchieren, Zusammenhänge zu strukturieren und Erfahrungen für andere Menschen verständlich aufzuschreiben.
Damit ist sie für mich ein Werkzeug.
So wie Papier ein Werkzeug war.
So wie der Buchdruck ein Werkzeug war.
So wie später Fotografie, Film, VHS und DVD Werkzeuge wurden.
Und so wie heute Webseiten, E-Books, soziale Medien und Livestreams Werkzeuge sind.
🔨 In der Bärenschmiede würden wir sagen:
Der Hammer schmiedet die Klinge nicht allein.
Es braucht einen Menschen, der ihn führt.
Mit Wissen.
Mit Erfahrung.
Mit Verantwortung.
Vielleicht ist es mit künstlicher Intelligenz genauso.
Nicht das Werkzeug entscheidet, was daraus entsteht.
Der Mensch entscheidet, wie er es benutzt.
Deshalb möchte ich auch weiterhin schreiben.
Über meine Erfahrungen.
Über meine Lehrer.
Über Kata und Bunkai.
Über Biomechanik und Hüftarbeit.
Über Fehler und Erkenntnisse.
Über die Geschichte unserer Kampfkunst.
Und über Gedanken, die vielleicht eines Tages für einen anderen Karateka interessant sein können.
Denn irgendwann stehen wir alle nicht mehr auf der Tatami.
Dann bleiben vielleicht unsere Schüler.
Unsere Bilder.
Unsere Videos.
Unsere Aufzeichnungen.
Und unsere Bücher.
Funakoshi schrieb.
Wir schreiben weiter.
Nicht, weil wir uns mit den großen Meistern vergleichen wollen.
Sondern weil jede Generation die Verantwortung trägt, das Empfangene zu bewahren, zu prüfen, weiterzuentwickeln und weiterzugeben.
Von der Handschrift zur Druckplatte.
Von der Druckplatte zum Buch.
Vom Buch zum Film.
Vom Film zum Internet.
Vom Internet zur künstlichen Intelligenz.
Die Werkzeuge verändern sich.
Die Verantwortung bleibt.
LEARN. PRESERVE. DEVELOP. PASS IT ON.
THE WAY NEVER ENDS.
Osu! 🥋🐻📚
Renshi Mike Stein – 6. Dan
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede
IRDSBA
