MEINE LINIE · MEINE FORSCHUNG · MEINE ENTWICKLUNG
DIE DEFINITION MEINES KARATE
Nach 47 Jahren Karate stellt sich für mich nicht mehr nur die Frage:
„Welchen Stil trainiere ich?“
Die für mich wesentlich wichtigere Frage lautet:
WARUM MACHE ICH KARATE SO, WIE ICH ES HEUTE MACHE?
Eine Stilbezeichnung allein kann darauf keine ausreichende Antwort geben.
Mein Karate entstand nicht an einem einzigen Tag. Es stammt auch nicht aus einer einzigen Quelle.
Es ist das Ergebnis von Überlieferung, Lehrern, persönlicher Erfahrung, jahrzehntelangem Training, eigener Forschung und technischer Entwicklung.
Um zu verstehen, wo mein Karate heute steht, muss ich deshalb zuerst verstehen, woher es kommt.

1 · DIE WURZELN
Wenn wir die Entwicklung betrachten, aus der später das Shotokan hervorging, begegnen uns verschiedene Lehrer und Einflüsse.
Eine wichtige Verbindung führt über:
SŌKON MATSUMURA
↓
ANKŌ AZATO
↓
GICHIN FUNAKOSHI
Daneben steht die bedeutende Verbindung:
ANKŌ ITOSU
↓
GICHIN FUNAKOSHI
Schon hier zeigt sich etwas, das für meine Forschung entscheidend geworden ist:
KARATE HAT NICHT NUR EINE QUELLE.
Azato und Itosu waren unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Erfahrungen, Schwerpunkten und Lebenswegen.
Funakoshi erhielt Einflüsse aus diesen Welten. Doch auch er war kein bloßer Kopist.
Er lernte, ordnete, vermittelte und passte Karate an eine neue Zeit und ein neues Umfeld an.
Damit beginnt für mich eine wesentlich interessantere Betrachtung einer Lehrerlinie.
Ein Stammbaum beantwortet:
WER LERNTE VON WEM?
Meine Forschung fragt weiter:
WAS LERNTE ER?
WAS ÜBERNAHM ER?
WAS VERÄNDERTE ER?
WAS GAB ER WEITER?
Erst dadurch wird aus einer Namensfolge eine Geschichte des Karate.
2 · AZATO UND ITOSU – UNTERSCHIEDLICHE STRÖME
Bei Ankō Azato begegnen uns historische Hinweise auf seine Beschäftigung mit weiteren Kampfkünsten, darunter auch Schwertkunst.
Für meine Forschung entsteht daraus eine spannende Frage:
Welche Vorstellungen von Distanz, Timing, Positionierung, Ausweichen und entschlossener Aktion könnten sein Verständnis des Karate beeinflusst haben?
Dabei interessiert mich besonders die immer wieder diskutierte Verbindung zur Jigen-ryū-Tradition.
Hier muss jedoch sauber unterschieden werden zwischen dem, was historisch eindeutig dokumentiert werden kann, und dem, was wir technisch untersuchen und vergleichen.
Gerade das macht Forschung interessant.
Itosu steht dagegen besonders für einen anderen Entwicklungsschritt: die Systematisierung, Vermittlung und stärkere Verbreitung des Karate.
Damit treffen bei Funakoshi keine identischen Kopien derselben Kunst zusammen.
Es begegnen sich unterschiedliche Erfahrungen und Strömungen.
TRADITION IST KEIN FERTIGES PAKET.
Jede Generation muss verstehen, was sie erhalten hat – und was sie daraus macht.
3 · GICHIN FUNAKOSHI → YOSHITAKA FUNAKOSHI
Mit Yoshitaka Funakoshi begegnen wir einer weiteren Entwicklungsphase.
Er erhielt das Karate seines Vaters.
Aber auch er blieb nicht einfach dort stehen.
Mit seinem Karate werden unter anderem größere und dynamischere Bewegungen, tiefere Stände, veränderte Distanzen, kraftvolle Beintechniken und eine starke Beschäftigung mit der kämpferischen Wirksamkeit verbunden.
Für mich steckt darin eine grundlegende Erkenntnis:
RESPECTING TRADITION DOES NOT MEAN FREEZING TRADITION.
Tradition lebt nicht dadurch, dass jede Generation exakt dieselbe äußere Form reproduziert.
Sie lebt dadurch, dass Menschen das Überlieferte trainieren, untersuchen, verstehen und verantwortungsvoll weitergeben.
4 · NAKAYAMA – SYSTEMATISIERUNG UND INTERNATIONALE VERMITTLUNG
Masatoshi Nakayama und die Entwicklung der JKA standen später vor einer anderen Aufgabe.
Karate verbreitete sich international.
Lehrer mussten ausgebildet werden.
Prüfungen benötigten nachvollziehbare Kriterien.
Unterricht brauchte Strukturen.
Und mit der Entwicklung des Wettkampfs entstanden zusätzliche Anforderungen an Vergleichbarkeit und Regeln.
Daraus erwuchsen wichtige Elemente:
STANDARDISATION · CURRICULUM · EXAMINATION · COMPETITION · INTERNATIONAL TRANSMISSION
Diese Entwicklung war für die weltweite Verbreitung des Shotokan von großer Bedeutung.
Aber Standardisierung beantwortet nicht automatisch jede Frage nach Anwendung, Körpermechanik oder individueller Funktion einer Bewegung.
Und genau dort beginnt für mich erneut Forschung.
5 · KASE – HINTER DER SICHTBAREN FORM
Bei Taiji Kase begegnet mir eine andere Fragestellung.
Nicht ausschließlich:
HOW SHOULD THE TECHNIQUE LOOK?
Sondern:
HOW SHOULD THE TECHNIQUE WORK?
Ō-Waza und Ko-Waza.
Hente.
Distanz.
Timing.
Fudō-dachi.
Körperverbindung.
Und die Beziehung zwischen Kata und Kumite.
Über meinen Lehrer Lothar J. Ratschke begegneten mir viele dieser Gedanken nicht nur in Büchern oder historischen Quellen, sondern als lebendige Unterrichtserfahrung.
Damit entstand eine für meine persönliche Entwicklung wichtige Linie:
TAIJI KASE
↓
LOTHAR J. RATSCHKE
↓
MIKE STEIN
↓
RIN DŌ SHINZEN · BÄRENSCHMIEDE
Aber diese Linie bedeutet für mich ausdrücklich nicht:
ICH MUSS EINE KOPIE MEINES LEHRERS WERDEN.
Und mein Lehrer musste keine Kopie seines Lehrers sein.
Ein guter Lehrer gibt seinem Schüler nicht nur Antworten.
ER GIBT IHM WERKZEUGE, SELBST FRAGEN ZU STELLEN.
6 · HIER BEGINNT MEINE EIGENE FORSCHUNG
Nach 47 Jahren Training interessiert mich nicht mehr allein, ob eine Technik äußerlich korrekt aussieht.
Ich frage:
Warum funktioniert sie?
Wo beginnt die Bewegung?
Wie läuft die Kraft durch den Körper?
Welche Aufgabe übernimmt die Hüfte?
Was geschieht mit der Körperachse?
Welche Rolle spielen Boden, Beine und Rumpf?
Wie verändern Distanz und Winkel die Funktion?
Welche Bewegung ist leistungsfähig und gleichzeitig langfristig gesund?
Und vor allem:
WIE WIRD AUS KATA TATSÄCHLICHE ANWENDUNG?
Aus diesen Fragen entstanden zentrale Arbeitsfelder meines heutigen Karate:
TETSU NO KOSHI
BIOMECHANICS
HENTE WAZA
Ō-WAZA · KO-WAZA
BUNKAI · ŌYŌ
KYUSHO-JITSU
BODY STRUCTURE
HEALTHY MOVEMENT
LONGEVITY
7 · TETSU NO KOSHI – VERBINDUNG STATT BLOẞER ROTATION
Die „eiserne Hüfte“ bedeutet für mich nicht:
STIFFNESS.
Sie bedeutet:
CONNECTION.
GROUND
↓
FOOT
↓
LEG
↓
HIP
↓
CORE
↓
TECHNIQUE
Die Hüfte ist nicht einfach ein Motor, den wir möglichst weit oder möglichst schnell drehen.
Sie ist eine Verbindungsstelle innerhalb des gesamten Körpers.
Sie kann aufnehmen.
Übertragen.
Stabilisieren.
Rotieren.
Verschieben.
Öffnen.
Schließen.
Beschleunigen.
Gegenrotieren.
Entscheidend ist jedoch nicht die isolierte Hüftbewegung.
Entscheidend ist, dass die eingesetzte Waffe mit dem gesamten Körper verbunden bleibt.
STABILITY WITHOUT STIFFNESS.
POWER WITHOUT UNNECESSARY TENSION.
MOVEMENT WITHOUT LOSING STRUCTURE.
Das ist für mich Tetsu no Koshi.
8 · DER KÖRPER ALS WAFFENSYSTEM
Diese Betrachtung verändert auch mein Verständnis der Kata.
Nehmen wir eine scheinbar einfache Kata wie Heian Shodan.
Wir sehen:
GEDAN BARAI · OI ZUKI · AGE UKE · TETSUI UCHI · SHUTŌ UKE
Doch ich sehe darin nicht mehr lediglich:
BLOCK · PUNCH · BLOCK · STRIKE · BLOCK
Ich sehe Werkzeuge des Körpers.
Ein Gedan Barai kann verteidigen.
Er kann aber auch angreifen, kontrollieren, Struktur brechen oder eine weitere Aktion vorbereiten.
Ein Age Uke kann schützen.
Aber derselbe Unterarm kann treffen.
Ein Shutō Uke kann aufnehmen.
Kontrollieren.
Verbinden.
Und unmittelbar Wirkung erzeugen.
Ein Tetsui kann schlagen.
Ein Oi Zuki kann treffen, eindringen, Druck erzeugen oder eine vorherige Kontrolle vollenden.
Deshalb gilt für mich:
THE FUNCTION IS NOT DEFINED BY THE NAME OF THE TECHNIQUE.
Die Funktion entsteht durch:
DISTANCE · ANGLE · TARGET · TIMING · CONTACT · STRUCTURE · INTENTION
9 · KATA IST KUMITE
Damit erhält einer meiner wichtigsten Grundsätze seine technische Bedeutung:
KATA IST KUMITE.
Kata ist für mich keine Choreografie schöner Formen.
Sie ist auch kein Museum alter Techniken.
Kata ist eine Arbeitsform.
Eine Bewegung wird zunächst gelernt.
Dann wiederholt.
Dann gefühlt.
Dann strukturell und biomechanisch untersucht.
Dann mit einem Partner geprüft.
Die Distanz verändert sich.
Der Winkel verändert sich.
Der Angriff verändert sich.
Der Kontakt verändert sich.
Und plötzlich zeigt dieselbe Bewegung Möglichkeiten, die vorher nicht sichtbar waren.
FORM
↓
STRUCTURE
↓
CONNECTION
↓
FUNCTION
↓
BUNKAI
↓
ŌYŌ
↓
VARIATION
↓
UNDERSTANDING
Deshalb lautet für mich irgendwann nicht mehr nur die Frage:
„Was bedeutet diese Technik?“
Sondern:
„WAS KANN DIESE BEWEGUNG TUN?“
10 · Ō-WAZA · KO-WAZA · HENTE
Auch diese Begriffe möchte ich nicht einfach sammeln.
Ich möchte ihre Funktion verstehen.
Ō-WAZA entwickelt Raum, Struktur, Distanz und den Einsatz des ganzen Körpers.
↓
KO-WAZA verdichtet diese Fähigkeit auf einen kleineren Bewegungsraum.
↓
HENTE zeigt, dass dieselbe Extremität aufnehmen, verbinden und unmittelbar weiterarbeiten kann.
Damit verschwindet die starre Vorstellung:
BLOCK → STOP → COUNTER
und daraus wird:
RECEIVE → CONNECT → CONTROL → ACT
Manchmal nacheinander.
Manchmal nahezu gleichzeitig.
11 · STARKES KARATE MUSS AUCH NACHHALTIG SEIN
Dieser Punkt ist mir heute wichtiger als in jungen Jahren.
Eine Technik kann kraftvoll aussehen.
Sie kann kurzfristig funktionieren.
Aber wenn ihre Ausführung den eigenen Körper über Jahrzehnte unnötig verschleißt, muss ich sie hinterfragen.
Deshalb gehört für mich zur technischen Forschung auch die Frage:
KANN ICH DIESES KARATE AUCH MORGEN NOCH TRAINIEREN?
Biomechanik dient deshalb nicht ausschließlich:
MORE POWER.
Sie dient auch:
EFFICIENCY · STRUCTURE · HEALTH · LONGEVITY
Daraus folgt:
STRONG KARATE MUST ALSO BE SUSTAINABLE KARATE.
POWER + STRUCTURE + HEALTH
gehören zusammen.
12 · RIN DŌ SHINZEN IST KEINE KOPIE
Rin Dō Shinzen behauptet nicht, ein „verlorenes ursprüngliches Karate“ wiedergefunden zu haben.
Es behauptet auch nicht, dass nur eine Interpretation richtig sein könne.
Wir sagen etwas anderes:
WIR HABEN WURZELN.
WIR HABEN LEHRER.
WIR HABEN ÜBERLIEFERUNG.
WIR HABEN ERFAHRUNG.
WIR FORSCHEN.
WIR PRÜFEN.
WIR TRAINIEREN.
WIR ENTWICKELN WEITER.
Und wir versuchen möglichst ehrlich zu dokumentieren, woher etwas stammt und wo unsere eigene Interpretation beginnt.
ROOTS
↓
TRANSMISSION
↓
EXPERIENCE
↓
RESEARCH
↓
UNDERSTANDING
↓
DEVELOPMENT
↓
TRANSMISSION
Das ist keine Abkehr von meinen Lehrern.
ES IST DAS ERGEBNIS DESSEN, WAS SIE MIR MITGEGEBEN HABEN.
13 · DIE DEFINITION MEINES KARATE
Wenn mich heute jemand fragt:
„Was ist dein Karate?“
würde ich es nicht mehr allein mit einem Stilnamen beantworten.
Mein Karate ist:
TRADITION WITH ROOTS.
KATA WITH APPLICATION.
KUMITE WITH UNDERSTANDING.
POWER WITH STRUCTURE.
BIOMECHANICS WITH HEALTH.
TECHNIQUE WITH PURPOSE.
RESEARCH WITH RESPECT.
DEVELOPMENT WITHOUT FORGETTING THE TEACHERS.
Und vielleicht lässt sich mein Weg am einfachsten in einer einzigen Linie zusammenfassen:
ROOTS → KNOWLEDGE → EXPERIENCE → RESEARCH → UNDERSTANDING → DEVELOPMENT → TRANSMISSION
Denn Wissen endet nicht beim Schüler.
Irgendwann trägt der Schüler selbst Verantwortung dafür, was er aus dem erhaltenen Wissen macht – und was er der nächsten Generation hinterlässt.
Deshalb verstehe ich Rin Dō Shinzen nicht als fertiges System.
Es ist eine lebendige Arbeitsform.
Wir übernehmen nicht einfach.
WIR STUDIEREN.
Wir lehnen nicht einfach ab.
WIR PRÜFEN.
Wir kopieren nicht einfach.
WIR VERSUCHEN ZU VERSTEHEN.
Und wenn wir verstehen:
ENTWICKELN WIR WEITER.
Das ist Rin Dō Shinzen.
Das ist die Bärenschmiede.
VOM ROHEN EISEN ZUR LEBENDEN KLINGE.
LEARN · COMPARE · TRAIN · FEEL · UNDERSTAND · DEVELOP · PASS IT ON
KEEP THE KARATE SPIRIT ALIVE.
THE WAY NEVER ENDS.
OSU.
Renshi Mike Stein · 6. Dan
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede
International Rin Dō Shinzen Budō Association – IRDSBA
