Kapitel 10
Das Pendel – Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Es gibt Tage, an denen ich morgens vor meiner Tastatur sitze und an diesem Buch schreibe.
Ich reise gedanklich durch fast zweitausend Jahre Geschichte. Ich begegne römischen Legionären auf dem Rhein, folge den Spuren der Classis Germanica bis nach Mogontiacum und stehe wenig später vor den Katanas der Edo-Zeit im Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Ich begleite Samurai auf ihrem Weg des Bushidō und frage mich, was diese alten Krieger heute über unseren modernen Alltag denken würden.
Doch irgendwann klappe ich den Laptop zu.
Dann beginnt der zweite Teil meines Tages.
Ich ziehe mein altes Karate-Gi an.
Ich binde meinen verblassten schwarzen Obi.
Ich betrete mein Hombu Dōjō.
Und plötzlich gibt es keine Geschichte mehr.
Es gibt nur noch den nächsten Atemzug.
Die Wahrheit liegt auf der Tatami
Wer ein Buch über Budō schreibt, sollte Budō auch leben.
Nicht gestern.
Nicht vor zwanzig Jahren.
Sondern heute.
Während diese Zeilen entstehen, bereite ich mich gleichzeitig auf das nächste Gasshuku in Dubai vor.
Die Grundlage meines Trainings bildet seit Jahrzehnten dieselbe Kata:
Bassai Dai.
Sie begleitet mich wie ein alter Freund.
Je älter ich werde, desto weniger suche ich nach neuen Techniken.
Ich suche nach mehr Tiefe.
Nach mehr Verständnis.
Nach mehr Einfachheit.
Denn eine einzige Kata kann ein ganzes Leben lang lehren.

Das Pendel schwingt
An einem Ende des Pendels steht das Schreiben.
Recherche.
Philosophie.
Geschichte.
Gedanken.
Am anderen Ende steht das Training.
Schweiß.
Herzschlag.
Wiederholung.
Disziplin.
Beides gehört zusammen.
Wenn das Pendel stehen bleibt, stirbt der Weg.
Erst die Bewegung hält den Geist lebendig.
Ich schreibe.
Ich trainiere.
Ich lehre.
Ich lerne.
Und dann beginnt alles wieder von vorn.
Authentizität
Oft frage ich mich, warum manche Menschen hunderte Euro für Seminare ausgeben, ständig den nächsten Meister suchen oder von Veranstaltung zu Veranstaltung reisen.
Ein gutes Seminar kann inspirieren.
Ein einziger Satz kann das Denken verändern.
Aber Inspiration ersetzt niemals die tägliche Arbeit.
Die wahre Prüfung findet nicht auf einem Wochenendseminar statt.
Sie findet am Dienstagmorgen statt.
Allein.
Wenn niemand zusieht.
Wenn niemand applaudiert.
Wenn nur du und deine Matte übrig bleiben.
Der Beweis
Heute Morgen trainierte ich über neunzig Minuten Karate.
Mein Herz schlug im Durchschnitt mit 114 Schlägen pro Minute.
Mehr als achthundert Kilokalorien wurden umgesetzt.
Meine Trainingsuhr meldete:
300 % des persönlichen Trainingsziels erreicht.
Diese Zahlen machen mich nicht zu einem besseren Karateka.
Aber sie beweisen etwas anderes.
Sie beweisen, dass der Weg nicht nur geschrieben wird.
Er wird gegangen.
Tag für Tag.
Schritt für Schritt.
Wie ein Schmied, der immer wieder denselben Hammer hebt.
Nicht weil er muss.
Sondern weil er weiß, dass nur aus tausenden Schlägen eine vollkommene Klinge entsteht.
Die Bärenschmiede
Vom rohen Eisen bis zum Samurai-Geist.
Dieser Satz ist kein Buchtitel.
Er ist mein Alltag.
Jeder Trainingstag ist ein neuer Faltvorgang.
Jede Kata ein weiterer Hammerschlag.
Jede Korrektur ein neuer Schleifstein.
Manchmal entstehen Risse.
Manchmal muss ich neu beginnen.
Manchmal werfe ich das Werkstück zurück ins Feuer.
Doch genau darin liegt die eigentliche Kunst.
Nicht niemals zu scheitern.
Sondern immer wieder aufzustehen.
Das Pendel kehrt zurück
Gestern schrieb ich über römische Legionäre.
Heute laufe ich Bassai Dai.
Morgen recherchiere ich über Samurai.
Am Abend unterrichte ich im Dōjō.
Die Geschichte endet nie.
Sie pendelt.
Zwischen Rom und Kyoto.
Zwischen Mainz und Dubai.
Zwischen Feder und Faust.
Zwischen Buch und Budō.
Und genau deshalb trägt dieses Kapitel seinen Namen.
Das Pendel.
Denn der Weg des Kriegers ist kein gerader Strich.
Er ist eine ständige Bewegung.
Ein ewiger Kreis.
Rin Dō Shinzen.
Du bist da.
Der Weg ist da.
OSU
Renshi Mike Stein
Der Autor schreibt nicht über den Weg – er lebt ihn. OSU. 🐻🥋
