Was aus unseren Dōjō werden kann
Die stille Krise der Nachfolge
Was aus unseren Dōjō werden kann

Es ist ein Thema, über das im Karate erstaunlich wenig gesprochen wird:
Aktive Vereine. Alternde Trainer. Und die Frage nach der nächsten Generation.
Viele Dōjō werden dabei zu den stillen Opfern unserer Zeit.
Während der Pandemie musste auch ich meine großen Kindergruppen unfreiwillig aufgeben. Das Fitnessstudio, in dem ich die Karate-Kids unterrichtete, schloss im Zuge der damaligen Einschränkungen seine Türen.
Es waren Kinder, die Karate wirklich geliebt hatten.
Doch diese Gruppe kam nie wieder zusammen.
Der Faden war gerissen.
Und manchmal lässt sich ein solcher Faden nicht einfach wieder neu knüpfen.
Die Rahmenbedingungen haben sich verändert
Kinder für Karate zu begeistern bedeutet heute längst nicht mehr nur, guten Unterricht anzubieten.
Viele Vereine trainieren in Schulturnhallen und müssen die Zeiten und Bedingungen akzeptieren, die ihnen zur Verfügung gestellt werden. Gerade im Winter sind manche Hallen kalt, der Boden unangenehm und die Voraussetzungen für barfuß trainierende Kinder alles andere als optimal.
Natürlich gehört es zum Budō, Schwierigkeiten auszuhalten.
Aber wir dürfen eines nicht vergessen:
Bevor ein Kind Disziplin entwickeln kann, müssen wir seine Begeisterung gewinnen.
Gleichzeitig hat sich die Freizeitwelt vollkommen verändert.
Smartphone, TikTok, YouTube, Gaming und soziale Medien konkurrieren jeden Tag um Aufmerksamkeit. Dazu kommt ein Freizeitangebot, das größer ist als jemals zuvor.
Ich erlebe es selbst beim Samstagstraining:
Eine Stunde Karate.
Danach Klavierunterricht.
Dann Chor.
Vielleicht später noch Ballett oder die nächste Aktivität.
Alles soll irgendwie in einen einzigen Tag passen.
Das Problem ist deshalb häufig nicht mangelndes Interesse.
Es fehlt die Zeit für Hingabe.
Karate braucht Zeit
Gleichzeitig prägt unsere schnelllebige Gesellschaft eine Erwartung, die nur schwer zum Karate-Dō passt:
Wann kommt der nächste Gürtel?
Wann ist die nächste Prüfung?
Wann gibt es die nächste Medaille?
Doch wer diesen Weg über viele Jahre gegangen ist, weiß:
Karate funktioniert so nicht.
Man beginnt jeden Tag wieder neu.
Und manchmal geht man selbst nach Jahrzehnten des Trainings nach Hause und denkt:
Eigentlich stehe ich immer noch am Anfang.
Genau darin liegt für mich die Schönheit des Dō.
Karate zu leben bedeutet nicht, jeden Tag dreißig Kata zu laufen oder ständig Leistungen nachweisen zu müssen.
Der Weg verändert den Menschen.
Und jeder Mensch geht diesen Weg anders.
Wir haben unterschiedliche Körper, unterschiedliche Stärken, unterschiedliche Techniken und unterschiedliche Lieblings-Kata.
Vor allem aber haben wir unterschiedliche Augen, mit denen wir Karate betrachten.
Deshalb bleibt Karate immer auch etwas Individuelles.
Ein Schüler sucht nicht nur ein Dōjō – er sucht einen Lehrer
Irgendwann sucht sich ein ernsthafter Schüler einen Lehrer, dessen Karate ihn fasziniert.
Einen Menschen, bei dem er spürt:
„Von diesem Menschen möchte ich lernen.“
Und genau hier beginnt auch das Problem der Nachfolge.
Wenn sich niemand findet, der wirklich lernen möchte, was ein Lehrer über Jahrzehnte entwickelt hat, kann selbst das schönste Dōjō eines Tages leer stehen.
Denn ein Dōjō besteht nicht aus Holzboden, Spiegeln, Tatami oder einer perfekten Trainingshalle.
Natürlich träumt wahrscheinlich jeder Sensei von guten Räumen, einem vernünftigen Boden, angenehmem Licht und guten Trainingsbedingungen.
Aber das ist nur die äußere Hülle.
Das eigentliche Dōjō sind die Menschen.
Auch wir Sensei müssen uns selbst hinterfragen
Und hier müssen wir älteren Karateka vielleicht auch einmal den Mut haben, nicht nur auf „die heutige Jugend“ zu schauen.
Vielleicht liegt ein Teil des Problems bei uns selbst.
Nach dem unausgesprochenen Motto:
„Du sollst keine anderen Meister neben dir haben.“
haben manche Lehrer jahrzehntelang keinen wirklich starken Trainer an ihrer Seite aufgebaut.
Ein guter Schüler wurde gefördert – solange er Schüler blieb.
Wurde er selbstbewusst, entwickelte eigene Gedanken oder begann, Verantwortung zu übernehmen, wurde er manchmal plötzlich als Konkurrenz wahrgenommen.
Doch genau hier liegt ein Widerspruch:
Ein Sensei, der keine starken Schüler hervorbringt, schützt vielleicht seine Position – aber nicht die Zukunft seines Dōjō.
Wenn ein Lehrer alles selbst macht, jedes Training leitet, jede Entscheidung trifft und sein Wissen nicht schrittweise weitergibt, entsteht irgendwann eine gefährliche Lücke.
Ein Nachfolger entsteht nicht plötzlich mit 30, 40 oder 50 Jahren.
Man muss ihn wachsen lassen.
Ihm Verantwortung geben.
Ihm vertrauen.
Ihn Fehler machen lassen.
Ihn korrigieren.
Und ihn irgendwann seinen eigenen Weg gehen lassen.
Das bedeutet auch zu akzeptieren, dass der Schüler manche Dinge eines Tages anders machen wird als sein Lehrer.
Vielleicht ist genau das eine der schwersten Prüfungen eines Sensei:
Nicht jemanden zu erschaffen, der uns kopiert – sondern jemanden auszubilden, der eines Tages ohne uns bestehen kann.
Die Uhr läuft
Bei Fortbildungslehrgängen und Veranstaltungen zur Erhaltung von Trainer- oder Prüferqualifikationen fällt mir immer wieder der hohe Altersdurchschnitt auf.
Einerseits beeindruckt mich das.
Es zeigt, wie lange Menschen ihrer Kampfkunst treu bleiben.
Doch gleichzeitig müssen wir uns eine unbequeme Frage stellen:
Wer steht dort in zehn oder fünfzehn Jahren?
Wenn eine große Generation erfahrener Trainer altersbedingt aufhört und gleichzeitig zu wenige jüngere Karateka bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, verlieren wir weit mehr als ein paar Trainingsstunden.
Wir verlieren Wissen.
Erfahrung.
Geschichten.
Methoden.
Persönliche Überlieferungen.
Und möglicherweise ganze Dōjō-Traditionen.
Natürlich spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle: Hallenmieten, Mitgliedsbeiträge, Trainervergütung und steigende Kosten. Auch betriebliche Sportangebote und Trainingsräume, die früher mancherorts zur Verfügung standen, sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
Doch Geld allein wird dieses Problem nicht lösen.
Was wir vor allem brauchen, sind:
Guter Wille.
Disziplin.
Zeit.
Und Verantwortung.
Wer trägt den Geist weiter?
Vielleicht lautet deshalb die entscheidende Frage gar nicht:
„Wer trainiert morgen unsere Kinder?“
Die tiefere Frage lautet:
„Wer trägt den Geist weiter, wenn wir nicht mehr da sind?“
Denn ein Dōjō lebt nicht von seinen vier Wänden.
Es lebt von Menschen.
Von Lehrern, die bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben.
Von Schülern, die bereit sind, wirklich zu lernen.
Und von einer nächsten Generation, die irgendwann den Mut besitzt, selbst Verantwortung zu übernehmen.
Unsere Aufgabe als ältere Karateka besteht deshalb vielleicht nicht darin, jemanden zu finden, der genauso wird wie wir.
Unsere Aufgabe ist es, Menschen so stark zu machen, dass sie eines Tages ohne uns weitergehen können.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Vollendung der Lehrerrolle:
Wenn der Schüler den Lehrer irgendwann nicht mehr braucht –
aber das, was er von ihm erhalten hat, weiterträgt.
Die Bärenschmiede versucht jeden Tag, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.
Denn der Weg endet nie –
aber er braucht Menschen, die ihn weitergehen.
OSU! 🐻🥋
Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede
„Ein Dōjō hinterlässt man nicht aus Holz und Stein.
Man hinterlässt es in den Menschen.“
Die stille Krise der Nachfolge
Was aus unseren Dōjō werden kann
Es ist ein Thema, über das im Karate erstaunlich wenig gesprochen wird:
Aktive Vereine. Alternde Trainer. Und die Frage nach der nächsten Generation.
Viele Dōjō werden dabei zu den stillen Opfern unserer Zeit.
Während der Pandemie musste auch ich meine großen Kindergruppen unfreiwillig aufgeben. Das Fitnessstudio, in dem ich die Karate-Kids unterrichtete, schloss im Zuge der damaligen Einschränkungen seine Türen.
Es waren Kinder, die Karate wirklich geliebt hatten.
Doch diese Gruppe kam nie wieder zusammen.
Der Faden war gerissen.
Und manchmal lässt sich ein solcher Faden nicht einfach wieder neu knüpfen.
Die Rahmenbedingungen haben sich verändert
Kinder für Karate zu begeistern bedeutet heute längst nicht mehr nur, guten Unterricht anzubieten.
Viele Vereine trainieren in Schulturnhallen und müssen die Zeiten und Bedingungen akzeptieren, die ihnen zur Verfügung gestellt werden. Gerade im Winter sind manche Hallen kalt, der Boden unangenehm und die Voraussetzungen für barfuß trainierende Kinder alles andere als optimal.
Natürlich gehört es zum Budō, Schwierigkeiten auszuhalten.
Aber wir dürfen eines nicht vergessen:
Bevor ein Kind Disziplin entwickeln kann, müssen wir seine Begeisterung gewinnen.
Gleichzeitig hat sich die Freizeitwelt vollkommen verändert.
Smartphone, TikTok, YouTube, Gaming und soziale Medien konkurrieren jeden Tag um Aufmerksamkeit. Dazu kommt ein Freizeitangebot, das größer ist als jemals zuvor.
Ich erlebe es selbst beim Samstagstraining:
Eine Stunde Karate.
Danach Klavierunterricht.
Dann Chor.
Vielleicht später noch Ballett oder die nächste Aktivität.
Alles soll irgendwie in einen einzigen Tag passen.
Das Problem ist deshalb häufig nicht mangelndes Interesse.
Es fehlt die Zeit für Hingabe.
Karate braucht Zeit
Gleichzeitig prägt unsere schnelllebige Gesellschaft eine Erwartung, die nur schwer zum Karate-Dō passt:
Wann kommt der nächste Gürtel?
Wann ist die nächste Prüfung?
Wann gibt es die nächste Medaille?
Doch wer diesen Weg über viele Jahre gegangen ist, weiß:
Karate funktioniert so nicht.
Man beginnt jeden Tag wieder neu.
Und manchmal geht man selbst nach Jahrzehnten des Trainings nach Hause und denkt:
Eigentlich stehe ich immer noch am Anfang.
Genau darin liegt für mich die Schönheit des Dō.
Karate zu leben bedeutet nicht, jeden Tag dreißig Kata zu laufen oder ständig Leistungen nachweisen zu müssen.
Der Weg verändert den Menschen.
Und jeder Mensch geht diesen Weg anders.
Wir haben unterschiedliche Körper, unterschiedliche Stärken, unterschiedliche Techniken und unterschiedliche Lieblings-Kata.
Vor allem aber haben wir unterschiedliche Augen, mit denen wir Karate betrachten.
Deshalb bleibt Karate immer auch etwas Individuelles.
Ein Schüler sucht nicht nur ein Dōjō – er sucht einen Lehrer
Irgendwann sucht sich ein ernsthafter Schüler einen Lehrer, dessen Karate ihn fasziniert.
Einen Menschen, bei dem er spürt:
„Von diesem Menschen möchte ich lernen.“
Und genau hier beginnt auch das Problem der Nachfolge.
Wenn sich niemand findet, der wirklich lernen möchte, was ein Lehrer über Jahrzehnte entwickelt hat, kann selbst das schönste Dōjō eines Tages leer stehen.
Denn ein Dōjō besteht nicht aus Holzboden, Spiegeln, Tatami oder einer perfekten Trainingshalle.
Natürlich träumt wahrscheinlich jeder Sensei von guten Räumen, einem vernünftigen Boden, angenehmem Licht und guten Trainingsbedingungen.
Aber das ist nur die äußere Hülle.
Das eigentliche Dōjō sind die Menschen.
Auch wir Sensei müssen uns selbst hinterfragen
Und hier müssen wir älteren Karateka vielleicht auch einmal den Mut haben, nicht nur auf „die heutige Jugend“ zu schauen.
Vielleicht liegt ein Teil des Problems bei uns selbst.
Nach dem unausgesprochenen Motto:
„Du sollst keine anderen Meister neben dir haben.“
haben manche Lehrer jahrzehntelang keinen wirklich starken Trainer an ihrer Seite aufgebaut.
Ein guter Schüler wurde gefördert – solange er Schüler blieb.
Wurde er selbstbewusst, entwickelte eigene Gedanken oder begann, Verantwortung zu übernehmen, wurde er manchmal plötzlich als Konkurrenz wahrgenommen.
Doch genau hier liegt ein Widerspruch:
Ein Sensei, der keine starken Schüler hervorbringt, schützt vielleicht seine Position – aber nicht die Zukunft seines Dōjō.
Wenn ein Lehrer alles selbst macht, jedes Training leitet, jede Entscheidung trifft und sein Wissen nicht schrittweise weitergibt, entsteht irgendwann eine gefährliche Lücke.
Ein Nachfolger entsteht nicht plötzlich mit 30, 40 oder 50 Jahren.
Man muss ihn wachsen lassen.
Ihm Verantwortung geben.
Ihm vertrauen.
Ihn Fehler machen lassen.
Ihn korrigieren.
Und ihn irgendwann seinen eigenen Weg gehen lassen.
Das bedeutet auch zu akzeptieren, dass der Schüler manche Dinge eines Tages anders machen wird als sein Lehrer.
Vielleicht ist genau das eine der schwersten Prüfungen eines Sensei:
Nicht jemanden zu erschaffen, der uns kopiert – sondern jemanden auszubilden, der eines Tages ohne uns bestehen kann.
Die Uhr läuft
Bei Fortbildungslehrgängen und Veranstaltungen zur Erhaltung von Trainer- oder Prüferqualifikationen fällt mir immer wieder der hohe Altersdurchschnitt auf.
Einerseits beeindruckt mich das.
Es zeigt, wie lange Menschen ihrer Kampfkunst treu bleiben.
Doch gleichzeitig müssen wir uns eine unbequeme Frage stellen:
Wer steht dort in zehn oder fünfzehn Jahren?
Wenn eine große Generation erfahrener Trainer altersbedingt aufhört und gleichzeitig zu wenige jüngere Karateka bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, verlieren wir weit mehr als ein paar Trainingsstunden.
Wir verlieren Wissen.
Erfahrung.
Geschichten.
Methoden.
Persönliche Überlieferungen.
Und möglicherweise ganze Dōjō-Traditionen.
Natürlich spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle: Hallenmieten, Mitgliedsbeiträge, Trainervergütung und steigende Kosten. Auch betriebliche Sportangebote und Trainingsräume, die früher mancherorts zur Verfügung standen, sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
Doch Geld allein wird dieses Problem nicht lösen.
Was wir vor allem brauchen, sind:
Guter Wille.
Disziplin.
Zeit.
Und Verantwortung.
Wer trägt den Geist weiter?
Vielleicht lautet deshalb die entscheidende Frage gar nicht:
„Wer trainiert morgen unsere Kinder?“
Die tiefere Frage lautet:
„Wer trägt den Geist weiter, wenn wir nicht mehr da sind?“
Denn ein Dōjō lebt nicht von seinen vier Wänden.
Es lebt von Menschen.
Von Lehrern, die bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben.
Von Schülern, die bereit sind, wirklich zu lernen.
Und von einer nächsten Generation, die irgendwann den Mut besitzt, selbst Verantwortung zu übernehmen.
Unsere Aufgabe als ältere Karateka besteht deshalb vielleicht nicht darin, jemanden zu finden, der genauso wird wie wir.
Unsere Aufgabe ist es, Menschen so stark zu machen, dass sie eines Tages ohne uns weitergehen können.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Vollendung der Lehrerrolle:
Wenn der Schüler den Lehrer irgendwann nicht mehr braucht –
aber das, was er von ihm erhalten hat, weiterträgt.
Die Bärenschmiede versucht jeden Tag, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.
Denn der Weg endet nie –
aber er braucht Menschen, die ihn weitergehen.
OSU! 🐻🥋
Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede
„Ein Dōjō hinterlässt man nicht aus Holz und Stein.
Man hinterlässt es in den Menschen.“
