Du zeigst deine Leistung nicht
Du zeigst deine Leistung nicht, um andere zu beeindrucken.
Du zeigst sie nicht, um zu beweisen, wie gut oder wie schlecht du bist.
Du zeigst sie, weil es dein Weg ist.
Weil es sein muss.

Nicht einmal für dich selbst musst du sie zeigen. Du kennst deine Stärken. Du kennst deine Schwächen. Du weißt, wer du bist und was du kannst. Dir selbst musst du längst nichts mehr beweisen.
Nach 46 Jahren Kampfkunst, unzähligen Stunden im Dojo, tausenden Wiederholungen von Kata, Kihon, Makiwara und Kumite weißt du sehr genau, wozu du fähig bist.
Und auch, wozu nicht.
Gerade darin liegt die Ruhe.
Gerade darin liegt die Freiheit.
Du zeigst deine Leistung für deine Schüler.
Nicht, um Bewunderung zu erhalten.
Nicht, um Lob zu bekommen.
Sondern um ihnen zu zeigen, dass du da bist.
Dass du den Weg selbst noch gehst.
Dass auch ein älterer Karateka noch trainiert, schwitzt, lernt und an sich arbeitet.
Du stehst vorne.
Du redest nicht viel.
Du schreist nicht herum.
Du trainierst einfach.
Du machst.
Du gehst deinen Weg.
Tag für Tag.
Jahr für Jahr.
Jahrzehnt für Jahrzehnt.
Denn Worte beeindrucken nur für einen Moment.
Vorbilder prägen ein Leben.
Egal, ob hinter dir in der Halle zwei Schüler stehen oder zweihundert.
Egal, ob jemand zusieht oder nicht.
In deinem Herzen hörst du immer noch die Stimme deines Meisters:
„Mike, du bist da. Karate ist da.“
Mehr braucht es nicht.
Du zeigst keine Pokale von vor dreißig Jahren.
Du zeigst keine Medaillen.
Du zeigst keine vergilbten Urkunden an der Wand.
Denn all das erzählt nur von dem, was einmal war.
Karate lebt jedoch nicht in der Vergangenheit.
Karate lebt im Heute.
Deshalb sagst du nicht:
„Ich war.“
Du zeigst:
„Ich bin.“
Heute.
Jetzt.
In diesem Augenblick.
Mit jedem Schritt ins Dojo.
Mit jeder Verbeugung.
Mit jedem Schweißtropfen.
Mit jedem Atemzug.
Und selbst wenn niemand zusieht, betrittst du die Halle mit Respekt.
Du verbeugst dich.
Du trainierst.
Du gibst dein Bestes.
Dann gehst du nach Hause.
Nicht weil jemand es erwartet.
Nicht weil jemand Beifall spendet.
Sondern weil es dein Weg ist.
Denn wahres Karate braucht keine Zuschauer.
Es braucht nur einen Menschen, der bereit ist, den Weg jeden Tag aufs Neue zu gehen.
In Stille.
In Demut.
In Hingabe.
OSU!
Renshi Mike Stein
