Ein armer Meister
Manchmal werde ich gefragt, warum ich nicht häufiger nach Japan, in die USA oder zu internationalen Lehrgängen reise.
Die Antwort ist einfach:
Ich bin ein armer Meister.
Ich kann es mir nicht leisten, fünfmal im Jahr um die Welt zu fliegen. Ich besitze kein Flugzeug und habe auch keine teuren Hobbys. Meine Modellflugzeuge habe ich längst meinem Sohn überlassen.
Mein Beruf ist meine Berufung.
Mein Budō ist mein Karate.
Mein Weg ist das tägliche Training.
Während andere die Welt bereisen, fahre ich mit dem Fahrrad am Rhein entlang zum Dōjō.
Während andere auf dem Weg zum Flughafen sind, ziehe ich meinen Gi an.
Dort tropft der Schweiß auf den Boden.
Dort wird gearbeitet.
Dort wird gelernt.
Dort wird der Weg gegangen.
Ich beneide niemanden.
Im Gegenteil.
Ich freue mich für jeden Menschen, der die Möglichkeit hat, die Welt zu sehen, andere Meister kennenzulernen und neue Erfahrungen zu sammeln.
Mein Weg ist einfach ein anderer.
Ich trainiere sieben Tage in der Woche.
Nicht weil ich muss.
Sondern weil ich es liebe.
Wenn ich in einem anderen Dōjō trainieren möchte, fahre ich mit dem Bus oder dem Fahrrad dorthin.
Einmal im Jahr nehme ich an einem großen Gasshuku teil – in Dubai.
Mehr brauche ich nicht.

Denn ich habe das ganze Jahr Zeit, mich darauf vorzubereiten und jeden einzelnen Trainingstag bewusst zu nutzen.
Heute habe ich mein Training beendet.
Und ich freue mich bereits auf morgen.
Denn morgen ist wieder Training.
Für manche Menschen ist Karate ein Hobby.
Für mich ist Karate ein Lebensweg.
Ich bin nicht reich an Geld.
Aber ich bin reich an Training.
Reich an Erfahrungen.
Reich an Freundschaften.
Reich an Budō.
Und dafür bin ich dankbar.
Osu!
Renshi Mike Stein
