Mein erster Gi
Der selbstgenähte Karateanzug der 80er Jahre
Es war Anfang der 1980er Jahre.
Karate war damals noch anders.
Es gab kein Internet.
Keine Online-Shops.
Keine günstigen Einsteiger-Sets.
Keine sozialen Medien, keine Tutorials und keine sofort verfügbaren Informationen.
Wer Karate trainieren wollte, musste suchen, improvisieren und kämpfen — nicht nur im Dōjō, sondern oft schon vorher.
Ein guter Karate-Gi war teuer.
Ein echter Tokaido-Anzug war für uns junge Schüler fast unbezahlbar. Für viele war so ein Gi etwas Besonderes, fast schon ein Symbol echter Karatekunst. Aber ich konnte mir keinen leisten.
Mein Vater arbeitete damals als Yacht- und Schiffsbauer.
Eines Tages brachte er ein Stück schweres Segeltuch von der Arbeit mit nach Hause. Der Stoff war robust, dicht gewebt und eigentlich für Segel gedacht. Er war nicht strahlend weiß, sondern hatte einen leicht gelblichen Stich. Rau. Schwer. Fast wie Arbeitskleidung.
Doch in meinen Augen war es plötzlich mehr als nur Stoff.
Ich fragte meine Oma, ob sie mir daraus einen Karateanzug nähen könnte.
Meine Oma hatte eine alte Nähmaschine zu Hause. Sie konnte nähen, ändern, kürzen und reparieren. Früher war das selbstverständlich. Kleidung wurde nicht einfach weggeworfen — man machte etwas daraus.
Und so entstand mein erster Karate-Gi.
Er war schwer.
Sehr schwer.
Wenn ich trainierte und der Stoff den Schweiß aufsog, fühlte er sich fast wie eine nasse Rüstung an. Nach dem Training hing der Gi steif und tropfend über dem Stuhl oder an der Leine. Der Stoff zog an den Schultern und wurde immer schwerer, je härter das Training war.
Aber ich war stolz.
Unendlich stolz.
Denn es war mein Karateanzug.
Nicht gekauft.
Nicht perfekt.
Nicht schneeweiß.
Aber echt.
Genäht mit den Händen meiner Oma.
Möglich gemacht durch meinen Vater.
Und genau in diesem selbstgenähten Gi habe ich:
- meine ersten tausend Techniken geschwitzt,
- meine ersten Katas gelernt,
- meine ersten Schmerzen erlebt,
- meine ersten Fehler gemacht,
- und die Grundlage für alles gelegt, was später kam.
Heute, viele Jahrzehnte später, denke ich manchmal:
Vielleicht war genau dieser erste Gi der beste Karateanzug, den ich je hatte.
Nicht wegen seiner Qualität.
Nicht wegen einer Marke.
Nicht wegen seines Aussehens.
Sondern weil er etwas verkörperte, das man heute nur noch selten findet:
Liebe.
Improvisation.
Bescheidenheit.
Dankbarkeit.
Und den unbedingten Willen, trainieren zu dürfen.
Damals ging es nicht darum, perfekt auszusehen.
Es ging darum, überhaupt dabei zu sein.
Wir trainierten hart.
Wir schwitzten.
Wir lernten durch Wiederholung.
Und wir waren glücklich über jede einzelne Stunde im Dōjō.
Dieser schwere, gelbliche Segeltuch-Gi war vielleicht einfach nur ein selbstgenähter Karateanzug.
Aber für mich war er:
der Anfang meines Weges.

Und vielleicht beginnt wahres Budō genau dort —
nicht mit Perfektion,
sondern mit Herz.
OSU
Renshi Mike Stein
Der Klang des schweren Gi
Warum mich schwere Karateanzüge mein Leben lang begleitet haben
Seit meinem ersten selbstgenähten Segeltuch-Gi hat sich mein Geschmack für Karateanzüge nie wirklich verändert.
Im Gegenteil.
Dieser schwere, robuste und unbequeme erste Gi hat meinen gesamten Karate-Weg geprägt.
Im Laufe der Jahrzehnte hatte ich viele Karateanzüge:
leichte Kumite-Gis,
klassische Turnieranzüge,
moderne Schnitte,
japanische Premium-Gis
und unzählige verschiedene Marken.
Doch immer wieder zog es mich zurück zu den schweren Kata-Gis.
Warum?
Weil ein schwerer Gi etwas mit dem Karateka macht.
Er erinnert dich bei jeder Bewegung daran,
dass Karate keine Show ist.
Ein schwerer Gi:
- fordert deine Haltung,
- belastet deine Schultern,
- macht jede Technik ehrlicher,
- und verzeiht keine Nachlässigkeit.
Vor allem aber:
er lebt mit deiner Technik.
Wenn ein guter Gyaku Zuki oder Oi Zuki sauber durch den Körper geschlagen wird,
wenn Hüfte, Atmung und Kime perfekt zusammenkommen,
dann „knallt“ ein schwerer Gi.
Dieses Geräusch ist für viele Außenstehende nur Stoff.
Für einen Karateka ist es jedoch:
Rhythmus.
Timing.
Spannung.
Kime.
Viele Jahre trug ich bevorzugt die Shuroido-Kata-Varianten, weil ich:
- keine langen Hosen mochte,
- 3/4-lange Schnitte bevorzugte,
- breite Beine angenehmer fand,
- und schwere Stoffe zwischen 12–14 Unzen liebte.
Der klassische Tokaido-Schnitt war mir oft zu eng und zu schmal geschnitten. Die Shuroido Masterclass-Gis dagegen fühlten sich freier, kraftvoller und natürlicher für meine Art des Karate an.
Heute trainiere ich überwiegend im:
„Kiten Monarch“ von Kamikaze.
Und wahrscheinlich werde ich diesem Gi auch treu bleiben.
Denn Kamikaze baut schwere Anzüge,
die genau dieses Gefühl vermitteln,
das ich seit meinem ersten Segeltuch-Gi suche:
Gewicht.
Widerstand.
Charakter.
Echtheit.
Vielleicht klingt das für manche seltsam.
Aber dieser erste selbstgenähte Gi aus den Händen meiner Oma und aus dem Segeltuch meines Vaters hat mich früh eine wichtige Wahrheit gelehrt:
Der Wert eines Karateanzuges liegt nicht im Markennamen.

Nicht im perfekten Weiß.
Nicht im Preis.
Nicht im Logo.
Sondern darin:
- wie ernst man ihn trägt,
- wie ehrlich man darin trainiert,
- und wie viel Schweiß man bereit ist, in ihn hineinzugeben.
Ein schwerer Gi erinnert dich bei jeder Technik daran,
dass Budō Arbeit ist.
Er wiegt dich.
Er fordert dich.
Er zwingt dich,
echte Körperspannung zu entwickeln.
Und vielleicht ist genau deshalb mein erster Gi bis heute der wichtigste geblieben.
Er war nicht perfekt.
Aber er war echt.
Und manchmal beginnt genau dort
ein lebenslanger Weg.
OSU
Renshi Mike Stein
