Mondō im Winzergarten – Wenn Budō zwischen Rebstöcken lebendig wird

Kapitel 5

Mondō im Winzergarten – Wenn Budō zwischen Rebstöcken lebendig wird

Mondō (問答) beschreibt im Zen und im Budō die besondere Form des Frage-und-Antwort-Dialogs zwischen Meister und Schüler. Oft entstehen die tiefsten Einsichten nicht während einer formellen Unterrichtsstunde, sondern in den scheinbar gewöhnlichen Momenten des Lebens.

Viele meiner wichtigsten Lektionen habe ich nicht auf der Tatami gelernt.

Sondern im Alltag.

Bei Gesprächen.

Bei gemeinsamen Mahlzeiten.

Und manchmal an einem warmen Sommerabend in einem rheinhessischen Winzergarten.

Vor vielen Jahren saß ich mit meinem guten Freund Dipl.-Ing. agr. Karl Selg-Mann und mehreren Kendōka in seinem großen Winzergarten bei Alzey.

Die Sonne war bereits hinter den Weinbergen verschwunden.

Weiße Terrassenstühle und einfache Plastikstühle standen locker im Garten verteilt. In der Mitte stand ein kleiner Tisch, auf dem ein alter Fernseher mit Videorekorder lief.

Wir schauten gemeinsam Samurai-Filme mit Toshirō Mifune.

Die sieben Samurai.

Yojimbo.

Samurai Rebellion.

Während auf dem Bildschirm die Geschichten alter Krieger erzählt wurden, saßen wir zwischen den Rebstöcken, tranken Saft aus Flaschen, aßen Brot und Wurst und sprachen stundenlang über Budō.

Es waren keine offiziellen Lehrgespräche.

Keine Seminare.

Keine Vorträge.

Und doch lernte ich an diesen Abenden oft mehr als in mancher Trainingseinheit.

Karl war ein außergewöhnlicher Mensch.

Er hatte einst mit Karate begonnen, fand später jedoch im Kendō seine eigentliche Berufung.

Als Agraringenieur führte ihn sein Weg nach Japan, wo er Landwirtschaft studierte und gleichzeitig tief in die Kultur und Philosophie des Kendō eintauchte.

Nach seiner Rückkehr gehörte er zu den ersten Deutschen, die begannen, Tofu in Deutschland herzustellen. Später brachte er sein Wissen in die Zusammenarbeit mit einer Winzergenossenschaft ein und engagierte sich für Qualitätssicherung und Rohstoffe bei der purvegan GmbH.

In seiner Persönlichkeit verbanden sich japanische Präzision, deutsche Bodenständigkeit und die Ruhe eines Menschen, der seinen Weg gefunden hatte.

An einem dieser Abende sah Karl mich an, lächelte verschmitzt und sagte:

„Mike, Kendō ist richtig japanisch. Du weißt doch, dass Karate ursprünglich aus China kommt.“

Ich musste lachen und antwortete:

„Ja, aber am Ende klettern wir doch alle denselben Berg hinauf – nur auf unterschiedlichen Wegen.“

Damals war das nur ein lockerer Satz.

Heute weiß ich, wie viel Wahrheit darin steckt.


Rin Dō – Der Weg der Erinnerung

Mit zunehmendem Alter kehre ich gedanklich immer häufiger zum Rin Dō zurück – dem Weg der Erinnerung.

Ich denke an Menschen zurück, die mich geprägt haben.

An Lehrer.

An Freunde.

An Weggefährten.

Unabhängig davon, welche Stilrichtung sie vertraten oder welche Kampfkunst sie ausübten, verband uns immer dieselbe tiefe Faszination:

Nicht für den Kampf.

Sondern für den Weg.

Menschen wie Karl haben mir gezeigt, dass Budō weit über das Training hinausgeht.

Es ist keine Sportart.

Es ist eine Haltung.

Eine Art zu denken.

Eine Art zu leben.


Eine Küche voller Kata

Eine meiner schönsten Erinnerungen verbindet Budō nicht mit einem Dōjō, sondern mit der Küche von Karls altem Winzerhaus.

Unsere Frauen kannten sich bereits seit Jugendtagen, und wir verbrachten viele gemeinsame Abende dort.

Während die Frauen im Wohnzimmer saßen und sich unterhielten, stand Karl in der Küche und bereitete das Essen vor.

Ich beobachtete ihn eine Weile.

Seine Bewegungen wirkten selbstverständlich.

Und doch fiel mir etwas auf.

Seine Füße bewegten sich in kleinen, präzisen Schritten.

Vor.

Zurück.

Seitwärts.

Drehung.

Fast unmerklich folgte er einem inneren Embusen, während er Gemüse schnitt, Tofu anbriet oder Kräuter hackte.

Die Bewegungen erinnerten mich an eine Kata.

Nicht gespielt.

Nicht bewusst.

Sondern vollkommen natürlich.

Als Karl bemerkte, dass ich ihn beobachtete, grinste er nur.

Ich stellte mich neben ihn, nahm ein Messer und begann, Salat zu putzen.

Keine zwei Minuten später ertappte ich mich selbst dabei, wie meine eigenen Beine ebenfalls kleine Kata-Schritte ausführten.

Mae.

Ushiro.

Seitwärts.

Drehen.

Wir sahen uns an.

Und mussten beide laut lachen.

In diesem Augenblick wurde mir etwas klar, das mich bis heute begleitet.

Budō endet nicht am Rand der Tatami.

Es lebt in der Küche.

Es lebt im Weinberg.

Es lebt beim Schneiden von Gemüse.

Beim ruhigen Atmen.

Beim Arbeiten.

Beim Gehen.

Und in jeder Bewegung des Alltags.

Der wahre Meister trainiert nicht nur während der offiziellen Trainingszeit.

Er trainiert ständig.

Oft, ohne es selbst zu bemerken.


Die stille Lehre des Alltags

Heute, mit 56 Jahren und nach vielen Jahrzehnten auf meinem Weg des Budō, verstehe ich diese Begegnungen viel besser als damals.

Ich erkenne, dass Kyūdō, Kendō, Karate-Dō und viele andere Wege letztlich dieselbe innere Suche verfolgen.

Sie lehren uns Achtsamkeit.

Präsenz.

Bescheidenheit.

Und den respektvollen Umgang mit allem, was wir tun.

Der Weg endet nicht, wenn wir den Gi ausziehen.

Er beginnt oft erst dann.

Zwischen Rebstöcken.

Beim gemeinsamen Essen.

Beim Lachen mit Freunden.

Oder beim stillen Beobachten einer Bewegung, die zur Gewohnheit geworden ist.

Der wahre Meister lebt sein Budō.

Nicht nur im Dōjō.

Sondern überall.

Und vielleicht besteht genau darin die größte Kunst.

Du bist da.

Budō ist da.

OSU

Renshi Mike Stein