🇯🇵 OBON – DIE, DIE VOR UNS DEN WEG GINGEN

🇯🇵 OBON – DIE, DIE VOR UNS DEN WEG GINGEN

Guten Morgen, liebe Freunde und Weggefährten,

heute, am 13. August, beginnt in vielen Regionen Japans Obon – O-Bon (お盆), eines der bedeutendsten spirituellen und kulturellen Feste des Landes.

Traditionell dauert Obon dort vom 13. bis 16. August.

Es ist eine besondere Zeit der Erinnerung.

Nach buddhistisch geprägter Tradition kehren die Seelen der verstorbenen Vorfahren für einige Tage zu ihren Familien zurück. Häuser und Gräber werden gereinigt, Opfergaben vorbereitet und Lichter entzündet.

Mit den Mukaebi – den Willkommensfeuern – werden die Ahnen symbolisch empfangen. Am Ende der Obon-Tage werden sie mit Abschiedsfeuern, den Okuribi, wieder verabschiedet.

Doch hinter diesen Ritualen steht etwas, das weit über Religion hinausgeht:

Erinnerung. Dankbarkeit. Verbundenheit.

Und genau hier berührt Obon für mich auch den Geist des Budō.

Keiner von uns beginnt seinen Weg bei Null.

Wenn wir heute unseren Gi anziehen, uns verbeugen und die Tatami betreten, stehen wir auf einem Weg, den andere lange vor uns gegangen sind.

Unsere Lehrer.
Die Lehrer unserer Lehrer.
Die alten Meister.
Unsere Trainingspartner und Weggefährten.
Und manchmal Menschen, deren Hände wir niemals geschüttelt haben, deren Wissen aber trotzdem in unseren Techniken weiterlebt.

Eine Kata ist deshalb für mich niemals nur eine Abfolge von Bewegungen.

In ihr steckt Erfahrung.

In ihr steckt Geschichte.

Und manchmal steckt darin die stille Stimme eines Lehrers, der längst nicht mehr neben uns auf der Tatami steht.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Verbindungen zwischen Obon und Budō:

Der Mensch geht – aber sein Weg muss nicht mit ihm verschwinden.

Etwas bleibt.

Eine Korrektur, die wir niemals vergessen haben.
Eine Technik.
Ein Satz.
Eine Haltung.
Eine Verbeugung.
Oder die Art, wie ein Lehrer uns nach einem schweren Training angesehen hat.

Mit zunehmendem Alter verstehe ich immer mehr, dass Budō nicht nur bedeutet, nach vorne zu gehen.

Manchmal müssen wir uns umdrehen und sehen, wer den Weg hinter uns vorbereitet hat.

Nicht um in der Vergangenheit zu leben.

Sondern um dankbar zu verstehen, warum wir heute dort stehen, wo wir stehen.

Und vielleicht liegt darin auch unsere Verantwortung als Lehrer:

Das, was uns anvertraut wurde, nicht einfach zu besitzen – sondern es weiterzugeben.

An unsere Schüler.

An die nächste Generation.

Von Lehrer zu Schüler.
Von Generation zu Generation.
Von Herz zu Herz.

Heute verneige ich mich deshalb nicht vor Titeln, Urkunden oder Dan-Graden.

Ich verneige mich vor den Menschen, die vor uns gegangen sind und Spuren auf unserem Weg hinterlassen haben.

Remember the past.
Honor your teachers.
Carry the spirit forward.

Those who walked before us remain part of the Way.

OSU! 🥋

Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede

THE WAY NEVER ENDS.