VERTRAUEN UND KLARHEIT – DER CHARAKTER AUF DEM WEG

🥋 GUTEN MORGEN, FREUNDE UND WEGGEFÄHRTEN

VERTRAUEN UND KLARHEIT – DER CHARAKTER AUF DEM WEG

Guten Morgen, Freunde und Weggefährten.

Heute möchte ich nicht über eine Kata, einen Dan-Grad oder eine besondere Technik sprechen.

Ich möchte über etwas sprechen, das wir weder an einem Gürtel erkennen noch mit einer Prüfung bestätigen können:

Vertrauen.

Mit den Jahren und mit dem täglichen Training wächst in uns etwas Leises, aber Unerschütterliches: das Vertrauen in uns selbst.

Am Anfang müssen wir über jede Bewegung nachdenken.

Wo steht mein Fuß?
Wie dreht sich meine Hüfte?
Wann atme ich?
Wo befindet sich mein Schwerpunkt?

Doch irgendwann verändert sich etwas.

Die Technik ist nicht länger nur eine Bewegung, die wir ausführen.

Sie wird ein Teil von uns.

Und gleichzeitig beginnt auch unser Leben, unsere Technik zu verändern.

Unsere Erfahrungen.
Unsere Fehler.
Unsere Enttäuschungen.
Unsere Freundschaften.
Unsere Lehrer.
Unsere Schüler.
Unsere Siege und Niederlagen.

Alles hinterlässt Spuren.

Genau hier beginnt für mich die tiefere Bedeutung des ersten Dōjō Kun:

HITOTSU! JINKAKU KANSEI NI TSUTOMURU KOTO.
Strive for the perfection of character.

Den Charakter zu vervollkommnen.

Das bedeutet für mich nicht, perfekt zu werden.

Kein Mensch ist perfekt.

Es bedeutet, jeden Tag an sich selbst zu arbeiten.

Und dazu gehört auch Selbstvertrauen.

Nicht das laute Selbstvertrauen des Egos.

Nicht:
„Ich bin besser als du.“

Sondern das stille Wissen:

Ich kenne meinen Weg.
Ich kenne meine Stärken.
Ich kenne aber auch meine Schwächen.

Wer in sich selbst ruht, muss anderen nichts beweisen.

Und vielleicht kann gerade dieser Mensch einem anderen wirklich Vertrauen schenken.

Denn Vertrauen bedeutet nicht Blindheit.

Vertrauen braucht Klarheit.

Schaut euch zwei Menschen an, die sich begegnen.

Mann und Frau.
Freund und Freund.
Lehrer und Schüler.
Sensei und Senpai.
Oder zwei Karateka, die sich im Kumite gegenüberstehen.

Ohne Vertrauen kann keine wirkliche Beziehung entstehen.

Aber genauso wenig ohne Klarheit.

Wenn Worte und Handlungen nicht zusammenpassen, entsteht Misstrauen.

Wenn Absichten verborgen bleiben, entsteht Unsicherheit.

Wenn einer nur fordert und der andere nur gehorcht, entsteht keine wirkliche Beziehung.

Dann bleibt nur eine äußere Form.

Wie eine Kata ohne Geist.

Auch im Kumite vertraue ich meinem Partner.

Ich vertraue darauf, dass er seine Technik kontrolliert.

Er vertraut darauf, dass ich dasselbe tue.

Wir greifen uns an – und trotzdem tragen wir Verantwortung füreinander.

Das ist eines der großen Paradoxe des Budō:

Wir lernen zu kämpfen, ohne den Menschen vor uns zu verlieren.

Deshalb bedeutet Vertrauen niemals Unterwerfung.

Ein Schüler darf seinem Lehrer vertrauen.

Aber ein guter Lehrer verlangt kein blindes Vertrauen.

Er verdient es durch sein Verhalten.

Durch Ehrlichkeit.
Durch Wissen.
Durch Verantwortung.
Durch Respekt.
Durch sein Vorbild.

Und auch der Lehrer muss seinem Schüler vertrauen.

Er muss ihm Raum geben, Fragen zu stellen, Fehler zu machen, zu wachsen und irgendwann vielleicht sogar einen eigenen Weg zu gehen.

Eine wirkliche Lehrer-Schüler-Beziehung ist deshalb keine Einbahnstraße.

Wir lernen voneinander.

Der Lehrer gibt Erfahrung weiter.

Der Schüler zwingt den Lehrer durch seine Fragen dazu, sein eigenes Wissen immer wieder zu überprüfen.

Auch darin liegt Budō.

Bruce Lee formulierte einen Gedanken, der sehr gut dazu passt: Selbsterkenntnis entsteht in Beziehung zu anderen Menschen – die Beziehung wird zum Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen.

Genau das erleben wir auf der Tatami.

Der Partner zeigt mir nicht nur, ob meine Technik funktioniert.

Er zeigt mir auch meine Ungeduld.

Meine Angst.

Mein Ego.

Meine Unsicherheit.

Meine Aggression.

Aber ebenso meine Ruhe, meine Kontrolle und meine Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Der andere Mensch wird zu meinem Spiegel.

Vielleicht brauchen wir deshalb im Budō zwei Dinge gleichzeitig:

TRUST & CLARITY

Vertrauen ohne Klarheit kann blind machen.

Klarheit ohne Vertrauen kann kalt machen.

Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht eine Beziehung, in der Menschen miteinander wachsen können.

Das gilt im Dōjō.

Und es gilt draußen auf der Straße genauso.

Denn das Menschsein wird an der Dōjō-Tür nicht abgelegt.

Wir nehmen unseren Charakter mit hinein.

Und nach dem Training nehmen wir ihn wieder mit hinaus.

Deshalb trainieren wir nicht nur Oi-Zuki, Gyaku-Zuki, Mae-Geri oder Kata.

Wir trainieren den Menschen hinter der Technik.

Einen Menschen, der stark genug ist, Vertrauen zu schenken.

Einen Menschen, der klar genug ist, Grenzen zu erkennen.

Einen Menschen, der Fehler eingestehen kann.

Einen Menschen, der dankbar bleibt.

Einen Menschen, der trotz Erfahrung weiterhin Schüler sein kann.

Nach Jahrzehnten auf dem Weg wird für mich deshalb immer deutlicher:

Am Ende fragt niemand, wie viele Techniken wir kannten.

Vielleicht fragt auch niemand mehr nach unserem Dan.

Entscheidend wird etwas anderes:

Der Mensch.
Sein Karate.
Seine Schüler.
Sein Charakter.
Und die Spuren, die er auf dem Weg hinterlässt.

Das ist für mich die Verbindung zwischen Karate und Leben.

Wir trainieren Technik, um den Körper zu verstehen.

Wir trainieren mit Menschen, um uns selbst zu verstehen.

Und wir gehen den Weg, um vielleicht jeden Tag ein kleines Stück klarer zu werden.

TRUST.
CLARITY.
CHARACTER.
RESPECT.
HUMILITY.

Respect the past.
Preserve the legacy.
Inspire the future.

Ich wünsche allen Freunden und Weggefährten einen guten Morgen und einen starken, friedlichen Tag.

Bleibt offen.
Bleibt klar.
Bleibt bescheiden.

Und vor allem:

Bleibt Mensch.

Thank you for the Way.

OSU! 🥋

Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede

THE WAY NEVER ENDS.