🥋🐻 DER INNERE KAMPFGEIST – DIE ARBEIT UNSERER SINNE

🥋🐻 DER INNERE KAMPFGEIST – DIE ARBEIT UNSERER SINNE

ATEM IM BUDŌ – VON DER STILLE ZUR AKTION

Eine historische, technische und praktische Betrachtung der Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede

ZEN · KARATE-DŌ · SANCHIN · KYŪDŌ · KOBUDŌ · IAIDŌ · KENDŌ · JŌDŌ

ATMUNG · WAHRNEHMUNG · KÖRPERSTRUKTUR · KRAFTÜBERTRAGUNG · KIME · KIAI · ZANSHIN

Liebe Freunde und Weggefährten,

nach 47 Jahren aktiver Kampfkunst beschäftigt mich eine Frage immer wieder:

Was trainieren wir eigentlich, wenn wir Karate und andere Kampfkünste praktizieren?

Natürlich trainieren wir unsere Muskeln, unsere Ausdauer, unsere Beweglichkeit und unsere technischen Fähigkeiten.

Wir üben Kata, Kihon, Kumite, Waffenformen und unterschiedliche Methoden der Körperbeherrschung.

Doch unsere Kampfkunst besteht aus wesentlich mehr.

Wir trainieren auch unsere Aufmerksamkeit, unsere Wahrnehmung, unsere Sinne und unsere Fähigkeit, unter körperlicher und geistiger Belastung angemessen zu handeln.

Wir lernen, Bewegungen zu erkennen, Entfernungen einzuschätzen, Spannungen wahrzunehmen und unsere eigenen Reaktionen zu kontrollieren.

Dabei begleitet uns etwas, das wir vom ersten bis zum letzten Augenblick unseres Lebens benötigen:

UNSER ATEM.

Er begleitet uns in der Ruhe.

Er verändert sich bei körperlicher Belastung.

Er reagiert auf Angst, Aufregung und Anstrengung.

Und er beeinflusst, wie wir unseren Körper stabilisieren, bewegen und wieder zur Ruhe bringen.

Deshalb möchte ich heute zwei Themen zusammenführen, die für unsere Arbeit in der Bärenschmiede untrennbar miteinander verbunden sind:

DER INNERE KAMPFGEIST – DIE ARBEIT UNSERER SINNE

und

ATEM IM BUDŌ – VON DER STILLE ZUR AKTION.


1. DER INNERE KAMPFGEIST – MEHR ALS KÖRPERLICHE STÄRKE

Wenn wir vom Kampfgeist sprechen, denken viele zunächst an Härte, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, niemals aufzugeben.

Diese Eigenschaften können im Training eine wichtige Rolle spielen.

Doch für mich besitzt der innere Kampfgeist eine weitere Bedeutung.

Er zeigt sich auch in Selbstbeherrschung, Geduld, Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Ein Mensch, der unter Druck sofort die Kontrolle verliert, ist nicht automatisch ein starker Kämpfer.

Ein Mensch, der seine eigenen Gefühle wahrnimmt, seine Reaktionen kontrollieren kann und trotz Belastung handlungsfähig bleibt, besitzt eine andere Form von Stärke.

KAMPFGEIST BEDEUTET NICHT AGGRESSION.

KAMPFGEIST BEDEUTET AUCH SELBSTBEHERRSCHUNG.

Das regelmäßige Kampfkunsttraining bietet uns zahlreiche Möglichkeiten, diese Fähigkeiten zu üben.

Wir begegnen körperlicher Ermüdung.

Wir erleben technische Schwierigkeiten.

Wir müssen Fehler erkennen und korrigieren.

Wir lernen, auf einen Partner zu reagieren, ohne jede Bewegung überhastet auszuführen.

Und wir müssen akzeptieren, dass nicht jede Situation durch Kraft gelöst werden kann.

Diese Erfahrungen können unseren Charakter prägen.

Sie entstehen jedoch nicht automatisch durch eine Graduierung oder die Anzahl unserer Trainingsjahre.

Entscheidend ist, wie wir trainieren, reflektieren und unsere Erfahrungen in den Alltag übertragen.


2. DIE ARBEIT UNSERER SINNE – SEHEN, HÖREN UND FÜHLEN

Unsere Sinne sind die Verbindung zwischen uns und unserer Umgebung.

Ohne Wahrnehmung können wir weder die Bewegung eines Partners richtig einschätzen noch unsere eigene Technik zuverlässig kontrollieren.

SEHEN – MIRU (見る)

Über unsere Augen erkennen wir Bewegungen, Körperhaltungen, Abstände und Veränderungen.

Im Karate beobachten wir beispielsweise die Stellung des Gegners.

Wir erkennen eine Gewichtsverlagerung.

Wir sehen, ob sich seine Schulter bewegt, ob er einen Schritt vorbereitet oder seine Distanz verändert.

Doch gutes Sehen bedeutet nicht, ausschließlich auf die Faust oder den Fuß zu starren.

Wir müssen lernen, das gesamte Bewegungsbild wahrzunehmen.

Im Budō begegnet uns dafür der Begriff:

METS UKE / METSUKE (目付け) – BLICKFÜHRUNG.

Die konkrete Art der Blickführung unterscheidet sich zwischen den Kampfkünsten und ihren Schulen.

Im Training können wir untersuchen, wohin wir schauen und welche Informationen wir dadurch wahrnehmen oder übersehen.

HÖREN – KIKU (聞く)

Auch unser Gehör liefert Informationen.

Wir hören Schritte, Atemgeräusche, Bewegungen auf dem Boden und den Kontakt zwischen Gegenständen.

Beim Training mit Waffen kommen weitere Geräusche hinzu.

Ein Shinai trifft auf ein Ziel.

Ein Bō verändert bei einer schnellen Bewegung das Luftgeräusch.

Ein Schwert wird gezogen oder wieder in die Scheide geführt.

Solche Geräusche können Hinweise auf eine Bewegung geben.

Sie ersetzen jedoch nicht die visuelle Wahrnehmung und sind nicht unter allen Bedingungen zuverlässig.

FÜHLEN – KANJIRU (感じる)

Besonders interessant wird die Arbeit unserer Sinne, wenn wir einen Trainingspartner berühren.

Über die Haut nehmen wir Druck und Kontakt wahr.

Über Muskeln, Sehnen und Gelenke erhalten wir Informationen über unsere Körperstellung und Bewegung.

Diesen letztgenannten Bereich bezeichnet die Wissenschaft als Propriozeption.

Dazu kommt unser Gleichgewichtssinn, der Informationen über Drehungen und Beschleunigungen liefert.

Beim Partnertraining können wir dadurch Veränderungen des Widerstands, der Zugrichtung oder des Gleichgewichts wahrnehmen.

Wir fühlen, ob ein Partner drückt, zieht oder seine Belastung verändert.

Dabei lernen wir, unsere eigenen Bewegungen an neue Situationen anzupassen.

NICHT ALLES, WAS WIR ERKENNEN, MÜSSEN WIR SEHEN.


3. AUFMERKSAMKEIT – DAS BEWUSSTE DA-SEIN

Eine der wichtigsten Fähigkeiten im Budō ist für mich die bewusste Anwesenheit.

Wir können körperlich auf der Tatami stehen und mit unseren Gedanken trotzdem ganz woanders sein.

Dann führen wir möglicherweise Bewegungen aus, ohne die Einzelheiten wahrzunehmen.

Wir laufen eine Kata, denken aber bereits an die nächste Bewegung.

Wir schlagen einen Zuki, ohne zu bemerken, dass unsere Hüfte zu spät arbeitet.

Wir stehen einem Partner gegenüber und erkennen seine Gewichtsverlagerung nicht.

Genau deshalb gehört Aufmerksamkeit zu unserem Training.

In den japanischen Kampfkünsten begegnen uns hierzu mehrere Begriffe.

ZANSHIN (残心) beschreibt die fortbestehende Aufmerksamkeit und geistige Bereitschaft, auch nachdem eine Technik ausgeführt wurde.

MUSHIN (無心) wird häufig als ein Zustand beschrieben, in dem Handlungen nicht durch übermäßiges bewusstes Grübeln behindert werden.

Diese Begriffe stammen aus unterschiedlichen philosophischen und praktischen Zusammenhängen. Sie sollten nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden.

Für unsere Bärenschmiede steht eine praktische Frage im Mittelpunkt:

Kann ich aufmerksam bleiben, ohne mich dauerhaft zu verkrampfen?

Denn ständige Anspannung ist nicht dasselbe wie gute Aufmerksamkeit.

Ein guter Kampfkunstpraktiker sollte lernen, tatsächliche Gefahren von unbegründeten Befürchtungen zu unterscheiden.

Er muss nicht überall einen Gegner vermuten.

Er sollte Situationen möglichst früh erkennen, überlegt handeln und unnötige Konflikte vermeiden.

Hier erinnert uns ein traditioneller Grundsatz:

KARATE NI SENTE NASHI (空手に先手なし)

Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.

Für mich bedeutet das auch, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.


4. DER ATEM – DIE VERBINDUNG ZWISCHEN RUHE UND BEWEGUNG

KOKYŪ (呼吸) ist der japanische Begriff für Atmung.

In der Kampfkunst wird er in unterschiedlichen technischen und philosophischen Zusammenhängen verwendet.

Dabei müssen wir eine wichtige Unterscheidung treffen:

Kokyū ist zunächst ein allgemeiner Begriff.

Er bezeichnet nicht automatisch eine einzige festgelegte Atemtechnik.

In unserer Bärenschmiede beschäftigen wir uns mit verschiedenen Atemformen:

Ruhige Atmung

Schnelle Atmung unter Belastung

Ibuki-Atmung

Kurzzeitige Pressatmung

Schnellkraftatmung

Aktionsatmung mit Kime und Kiai

Atmung während der Vorbereitung und Wartephase

Erholungsatmung zwischen Aktionen

Diese Formen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Aufgabe, Dauer und körperlichen Wirkung.

Eine ruhige Atemphase während einer Konzentrationsübung erfüllt nicht dieselbe Aufgabe wie eine kurze Ausatmung bei einer explosiven Technik.

Auch die Atmung während eines längeren Kumite kann nicht dauerhaft nach demselben Muster erfolgen wie bei einer einzelnen Kata-Bewegung.

Der Atem muss sich an die jeweilige körperliche Aufgabe anpassen.


5. ZEN – ATMUNG IN DER STILLE

Im Zen begegnen wir der bewussten Beschäftigung mit Körperhaltung, Aufmerksamkeit und Atmung.

Beim ZAZEN (座禅) steht die sitzende Meditation im Mittelpunkt.

In der Sōtō-Zen-Tradition wird eine natürliche, ruhige Atmung beschrieben, die nicht gewaltsam kontrolliert werden soll.

Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die gegenwärtige Erfahrung.

Die Körperhaltung soll stabil bleiben, ohne unnötige Verkrampfung.

Für unser Kampfkunsttraining ist dieser Ansatz interessant, weil wir auch dort zwischen körperlicher Stabilität und übermäßiger Spannung unterscheiden müssen.

Doch Zazen ist keine Vorbereitungstechnik für einen besonders harten Schlag.

Sein ursprünglicher Zweck darf nicht auf eine sportliche Leistungssteigerung reduziert werden.

Wir können bestimmte Beobachtungen für unsere eigene Praxis nutzen, sollten dabei aber den historischen und religiösen Zusammenhang respektieren.


6. KYŪDŌ – DER ATEM UND DER GESPANNTE BOGEN

KYŪDŌ (弓道) – DER WEG DES BOGENS

Im Kyūdō steht der Atem in Verbindung mit einem längeren, präzise koordinierten Bewegungsablauf.

Der Schütze richtet seine Körperhaltung aus.

Er hebt den Bogen.

Er beginnt den Auszug.

Er erreicht den vollen Auszug.

Und schließlich löst sich der Pfeil.

Besonders interessant sind drei Begriffe:

KAI (会) – das Zusammentreffen im vollen Auszug.

HANARE (離れ) – das Lösen.

ZANSHIN (残心) – die fortbestehende Haltung und Aufmerksamkeit nach dem Schuss.

Die Atmung wird innerhalb der Kyūdō-Traditionen unterschiedlich gelehrt und mit dem Bewegungsablauf abgestimmt.

Entscheidend ist für unsere Untersuchung die Frage:

Wie kann der Körper unter Spannung bleiben, ohne seine Bewegungsfähigkeit zu verlieren?

Wie verändert sich die Atmung während des Auszugs?

Und was geschieht unmittelbar vor und nach dem Lösen?

Hier unterscheiden sich die Anforderungen deutlich von einem schnellen Zuki.

DER BOGEN VERLANGT EINEN ANDEREN ZEITLICHEN ABLAUF ALS DIE FAUST.


7. SANCHIN – ATMUNG UND KÖRPERSTRUKTUR

SANCHIN (三戦) – DIE DREI KÄMPFE

Die Kata Sanchin besitzt insbesondere im Gōjū-ryū und Uechi-ryū eine wichtige Stellung, wobei die Ausführungen und Atemmethoden unterschiedlich sind.

Im Gōjū-ryū begegnen wir häufig einer bewusst kontrollierten, teilweise deutlich hörbaren Atmung.

Die Bewegung wird mit Körperstruktur und Spannungsregulation verbunden.

Die Atemmethode IBUKI (息吹) wird in verschiedenen Karate-Traditionen unterschiedlich ausgeführt und erklärt.

Deshalb dürfen wir nicht behaupten, jede Sanchin-Form verwende dieselbe Atmung.

Auch sollten wir hörbare Atmung nicht automatisch mit guter Atmung gleichsetzen.

Für unsere technische Untersuchung interessieren uns vielmehr folgende Zusammenhänge:

Wie stabilisiert sich der Rumpf?

Welche Aufgabe übernimmt das Zwerchfell?

Wie wirken Bauchmuskulatur und Becken zusammen?

Wie verändert sich die Brustkorbbewegung?

Wann entsteht Muskelspannung?

Und wann muss diese Spannung wieder gelöst werden?

Die Atmung soll nicht isoliert betrachtet werden.

SIE IST TEIL DER GESAMTEN KÖRPERKOORDINATION.


8. KARATE-DŌ – VOM ATEM ZUM ZUKI

Bei einem Zuki verändert sich die zeitliche Aufgabe.

Die Technik wird in einem kurzen Bewegungsablauf ausgeführt.

Wir benötigen einen stabilen Stand, eine koordinierte Bewegung der Beine und Hüfte sowie eine zweckmäßige Verbindung zwischen Rumpf und Arm.

In unserer Bärenschmiede beschäftigen wir uns dabei besonders mit:

TETSU NO KOSHI (鉄の腰) – DIE EISERNE HÜFTE.

Für uns bedeutet dieser Begriff die bewusste Untersuchung der Kraftübertragung durch den gesamten Körper.

Die Füße stehen mit dem Boden in Kontakt.

Die Beine erzeugen und übertragen Kräfte.

Die Hüfte und der Rumpf koordinieren die Bewegung.

Die Schulter und der Arm führen die Technik weiter.

Die Atmung unterstützt die Regulation der Rumpfspannung.

Doch wir müssen präzise bleiben:

Die Kraft entsteht nicht allein in der Hüfte.

Und die Ausatmung erzeugt nicht automatisch einen starken Schlag.

Die technische Wirkung entsteht aus dem Zusammenwirken verschiedener körperlicher Faktoren.

KIME (決め)

Kime bezeichnet im Karate die entscheidende Fokussierung einer Technik.

Wir untersuchen, wie die Bewegung zum richtigen Zeitpunkt koordiniert und stabilisiert wird.

Dabei ist es nicht sinnvoll, während des gesamten Bewegungsablaufs jeden Muskel maximal anzuspannen.

Entscheidend ist die angemessene Spannung zum richtigen Zeitpunkt.

KIAI (気合)

Kiai wird häufig durch einen hörbaren Kampfschrei ausgedrückt.

Er kann mit Ausatmung, Entschlossenheit und der Ausführung einer Technik verbunden sein.

Doch Kiai ist nicht einfach nur Lautstärke.

Auch ein besonders lauter Schrei beweist keine besonders wirksame Technik.

Für unsere Bärenschmiede stellt sich die Frage:

Wie koordinieren wir Atem, Körperstruktur, Timing und technische Wirkung?


9. PRESSATMUNG – STABILITÄT UND IHRE GRENZEN

Die Pressatmung verdient eine gesonderte Betrachtung.

Bei starkem körperlichem Einsatz kann ein kurzfristiger Atemverschluss mit erhöhtem Druck im Brust- und Bauchraum einhergehen.

Dies kann die Stabilisierung des Rumpfes beeinflussen.

Gleichzeitig können dabei erhebliche Veränderungen des Blutdrucks und der Kreislaufbelastung auftreten.

Deshalb dürfen wir Pressatmung nicht pauschal als ideale Kampfkunstatmung darstellen.

Besonders langes oder wiederholtes Luftanhalten unter hoher Belastung ist keine allgemeine Empfehlung.

Wir müssen unterscheiden zwischen einer kurzzeitigen Stabilisierung, einer kontrollierten Ausatmung und einer ungewollten Atemblockade.

Auch die ruhige Atmung zwischen Aktionen ist ein wesentlicher Bestandteil der Belastungssteuerung.

STABILITÄT IST WICHTIG. ABER DAUERHAFTE VERKRAMPFUNG IST KEIN TRAININGSZIEL.


10. KOBUDŌ – ATMUNG UND KRAFTÜBERTRAGUNG AUF DIE WAFFE

KOBUDŌ (古武道) bezeichnet allgemein ältere Kampfkunsttraditionen; das Okinawa-Kobudō ist insbesondere für seine überlieferten Waffenformen bekannt.

Hier verändert sich unsere technische Aufgabe.

Wir müssen nicht nur den eigenen Körper koordinieren.

Wir müssen zusätzlich eine Waffe kontrollieren.

Beim Bō, Sai, Tonfa oder Nunchaku verändern sich Masse, Schwerpunkt, Hebelwirkung und Bewegungsrichtung.

Nehmen wir einen Bō.

Die Hände kontrollieren den Stab.

Die Füße verändern die Stellung.

Die Beine und der Rumpf unterstützen die Bewegung.

Die Hüfte kann die Rotation mitgestalten.

Die Griffposition beeinflusst, wie die Kräfte auf den Stab übertragen werden.

Doch nicht jede Waffenbewegung entsteht durch eine große Hüftrotation.

Je nach Technik können auch kleinere Bewegungen, Griffwechsel und gezielte Veränderungen der Handposition entscheidend sein.

Die Atmung begleitet diese Bewegungen und kann helfen, unnötige Spannung zu vermeiden.

Hier wird unsere Arbeit mit Tetsu no Koshi besonders interessant.

WIE GELANGT DIE BEWEGUNGSENERGIE DES KÖRPERS IN DIE WAFFE?

Und ebenso wichtig:

WIE KONTROLLIEREN WIR DIE WAFFE NACH DER AKTION?

Denn eine Bewegung ist nicht schon deshalb technisch gut, weil sie kraftvoll aussieht.

Sie muss auch kontrollierbar bleiben.


11. IAIDŌ UND KENDŌ – SCHWERT, ATEM UND TIMING

IAIDŌ (居合道) beschäftigt sich unter anderem mit dem Ziehen und Führen des Schwertes sowie der anschließenden Kontrolle und Aufmerksamkeit.

Die konkrete technische Ausführung hängt von Schule und Übungsform ab.

Beim Iaidō untersuchen wir den Übergang von der ruhigen Vorbereitung zur Bewegung.

Der Körper verändert seine Stellung.

Die Hände führen das Schwert.

Der Rumpf stabilisiert die Bewegung.

Die Atmung muss mit dem jeweiligen Ablauf vereinbar bleiben.

Auch nach der eigentlichen Schneidbewegung ist die Handlung nicht abgeschlossen.

Die Kontrolle setzt sich fort.

Im KENDŌ (剣道) begegnen wir dem bekannten Prinzip:

KI-KEN-TAI-ICHI (気剣体一致)

Die Einheit von Geist beziehungsweise Entschlossenheit, Schwert und Körper.

Beim Kendō ist die Koordination von Kiai, Fußarbeit und Shinai-Bewegung ein wichtiger Bestandteil der technischen Ausbildung.

Für unsere Forschungsarbeit ergibt sich daraus eine Frage:

Wie verändern sich Atmung und Körperkoordination, wenn die Aktion nicht mit der Faust, sondern mit einer Waffe ausgeführt wird?

Dabei müssen wir auch das Abbremsen und die Kontrolle nach der Bewegung untersuchen.


12. JŌDŌ – DER STAB ALS VERLÄNGERUNG DER BEWEGUNG

JŌDŌ (杖道) beschäftigt sich mit der Führung des Jō, eines traditionellen japanischen Stabes.

Im Unterschied zum Schwert verändert der Stab seine technische Funktion durch die Art der Führung.

Er kann mit unterschiedlichen Enden eingesetzt werden.

Die Hände verändern ihre Position.

Der Körper passt Winkel und Distanz an.

Für unsere Untersuchung interessieren uns besonders:

Die Koordination der Hände.

Die Bewegung der Hüfte.

Die Stabilität des Standes.

Der Wechsel zwischen Bewegung und Kontrolle.

Und die Atmung während längerer Bewegungsfolgen.

Gerade beim Jō wird deutlich, dass eine Waffe nicht einfach nur ein Gegenstand ist, den wir mit Armkraft bewegen.

Sie verlangt eine abgestimmte Körperorganisation.


13. ZATŌICHI – DER BLINDE SCHWERTKÄMPFER UND DIE ARBEIT DER SINNE

Eine interessante Ergänzung unserer Untersuchung ist die japanische Figur ZATŌICHI (座頭市).

Bekannt wurde der blinde Schwertkämpfer insbesondere durch die Filme mit Shintarō Katsu und später durch Takeshi Kitanos Film aus dem Jahr 2003.

Zatōichi ist eine fiktive Figur.

Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten dürfen deshalb nicht als historische Belege einer tatsächlichen Schwertschule verstanden werden.

Doch als Ausgangspunkt für unsere Diskussion über Wahrnehmung ist die Figur interessant.

Was geschieht, wenn ein Sinn nicht zur Verfügung steht?

Wie verändert sich die Orientierung?

Welche Bedeutung gewinnen Hören, Berührung, Gleichgewicht und Körpergefühl?

Wie wichtig ist die Fähigkeit, Geräusche und Bewegungen voneinander zu unterscheiden?

Und wie verändert sich die Aufmerksamkeit, wenn visuelle Informationen fehlen?

Dabei sollten wir nicht romantisieren, dass Blindheit automatisch zu überlegenen anderen Sinnen führt.

Die Wahrnehmungsfähigkeit eines Menschen hängt von vielen Faktoren ab, darunter Erfahrung, Übung, Umgebung und individuelle Voraussetzungen.

Für unsere Bärenschmiede bleibt dennoch eine wichtige Erkenntnis:

DIE AUGEN SIND NICHT UNSERE EINZIGE INFORMATIONSQUELLE.


14. MA-AI UND TAI SABAKI – WAHRNEHMUNG WIRD ZUR BEWEGUNG

MA-AI (間合い) beschreibt die räumliche und zeitliche Beziehung zwischen den Beteiligten.

Dabei geht es nicht nur um die messbare Entfernung.

Auch Reichweite, Timing, Bewegungsmöglichkeiten und die jeweilige Situation sind entscheidend.

TAI SABAKI (体捌き) bezeichnet die Körperbewegung beziehungsweise das geschickte Bewegen und Ausrichten des Körpers.

Hier treffen sich unsere bisherigen Themen.

Wir müssen eine Bewegung wahrnehmen.

Wir müssen ihre Bedeutung einschätzen.

Wir müssen unseren Körper entsprechend ausrichten.

Und wir müssen die Aktion technisch kontrollieren.

Dabei verändert sich auch unsere Atmung.

Unter hoher Belastung kann die Atemfrequenz steigen.

Die Muskulatur ermüdet.

Unsere Bewegungen können ungenauer werden.

Die Aufmerksamkeit kann sich verengen.

Deshalb müssen wir trainieren, auch unter Belastung die wesentlichen Informationen zu erkennen.

Nicht jede schnelle Reaktion ist eine gute Reaktion.

ENTSCHEIDEND IST, OB WIR ANGEMESSEN REAGIEREN.


15. DIE VERBINDUNG ZU UNSEREN KATA

Für die Bärenschmiede wird diese Forschungsarbeit besonders wertvoll, wenn wir sie mit unserer täglichen Kata-Praxis verbinden.

Nehmen wir beispielsweise:

JION · BASSAI DAI · SOCHIN · HANGETSU · NIJŪSHIHO

Wir können jede Kata aus unterschiedlichen Perspektiven untersuchen.

Welche Atemform wird verwendet?

Wie verändert sich die Rumpfspannung?

Wann arbeitet die Hüfte?

Wie wird das Gleichgewicht kontrolliert?

Welche Rolle spielt die Blickführung?

Wie verändert sich die Distanz in unserer Bunkai-Interpretation?

Wo entstehen unnötige Spannungen?

Und was geschieht mit der Technik, wenn die Ermüdung zunimmt?

Gerade die verschiedenen Ausführungsformen einer Kata eröffnen uns zusätzliche Möglichkeiten.

OMOTE · URA · HENKA · BUNKAI · ŌYŌ · KAESHI · RANDORI-BUNKAI · KIHON-KUMITE

Dabei sollten wir stets unterscheiden zwischen einer historisch dokumentierten Kata-Ausführung und unseren eigenen technischen Anwendungen.

Denn nicht jede heutige Interpretation lässt sich automatisch auf die ursprünglichen Lehrer zurückführen.

Das schmälert ihren praktischen Wert nicht.

Es verlangt lediglich eine saubere Dokumentation.


16. DIE FÜNF ZENTRALEN FRAGEN UNSERER BÄRENSCHMIEDE

Aus dieser gesamten Untersuchung können wir fünf technische Leitfragen für unsere zukünftigen Trainings- und Seminarberichte ableiten.

1. MA-AI (間合い) – DISTANZ

Wie erkennen und kontrollieren wir den richtigen Abstand?

2. TAI SABAKI (体捌き) – KÖRPERBEWEGUNG

Wie vermeiden wir unnötigen Kraftverbrauch durch zweckmäßige Bewegung und Winkelarbeit?

3. KOKYŪ (呼吸) – ATMUNG

Wie unterstützen wir durch passende Atemmuster unsere Körperkoordination, Belastbarkeit und Erholung?

4. KIME (決め) – TECHNISCHE FOKUSSIERUNG

Wie setzen wir unsere Kraft gezielt ein, statt jede Bewegung mit maximaler Muskelspannung auszuführen?

5. TETSU NO KOSHI (鉄の腰) – KRAFTÜBERTRAGUNG

Wie erhalten wir auch unter Ermüdung die koordinierte Verbindung zwischen Bodenkontakt, Beinen, Hüfte, Rumpf und Technik?

Diese Fragen sind Bestandteil unserer eigenen technischen Arbeit.

Sie sind keine automatisch belegten Aussagen über die persönliche Unterrichtsmethodik historischer Meister.


17. WAS SAGT UNS DIE WISSENSCHAFT?

Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist die Verbindung von Wahrnehmung, Atmung und Bewegung interessant.

Die Forschung zu sportlicher Expertise zeigt, dass erfahrene Sportler in bestimmten, sportartspezifischen Situationen Bewegungsinformationen häufig besser nutzen und Aktionen genauer antizipieren können als Anfänger.

Solche Ergebnisse lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf jede Alltagssituation übertragen.

Auch Atemübungen können die Regulation von Aufmerksamkeit, Stress und körperlicher Erregung beeinflussen.

Ihre Wirkung hängt unter anderem von der Methode, der Übungsdauer und den individuellen Voraussetzungen ab.

Die Propriozeption und das Gleichgewicht können durch gezielte Bewegungsübungen geschult werden.

Doch keine dieser Fähigkeiten entsteht allein durch das Tragen eines schwarzen Gürtels.

Wir sollten deshalb nicht behaupten, dass langjährige Kampfkunstpraktiker grundsätzlich jede Gefahr früher erkennen oder automatisch über bessere Sinne verfügen.

Die wissenschaftlich sinnvolle Frage lautet vielmehr:

WELCHE FÄHIGKEIT WIRD DURCH WELCHE ÜBUNG UNTER WELCHEN BEDINGUNGEN VERBESSERT?

Genau diese Frage sollten wir auch an unser eigenes Training stellen.


18. DER KAMPFGEIST IM ALLTAG

Unsere Kampfkunst endet nicht an der Dōjō-Tür.

Wenn wir durch regelmäßiges Training lernen, aufmerksamer zuzuhören, ruhiger zu reagieren und unsere eigenen Gefühle besser wahrzunehmen, kann das auch außerhalb des Trainings wertvoll sein.

Wir lernen möglicherweise, mit Stress bewusster umzugehen.

Wir entwickeln Geduld.

Wir erkennen unsere körperlichen Grenzen.

Wir üben, Fehler zu akzeptieren und daraus zu lernen.

Doch auch hier gilt:

Der Transfer vom Dōjō in den Alltag ist keine Selbstverständlichkeit.

Er verlangt bewusste Reflexion und die Bereitschaft, die eigenen Erfahrungen verantwortungsvoll anzuwenden.

Für mich ist das ein wesentlicher Bestandteil des Karate-Dō.

NICHT JEDEN KAMPF MUSS MAN FÜHREN.

NICHT JEDE PROVOKATION VERLANGT EINE REAKTION.

UND NICHT JEDE STÄRKE MUSS DEMONSTRIERT WERDEN.


19. UNSER WEG DURCH DEN DSCHUNGEL

In der Bärenschmiede verwenden wir einen einfachen Grundsatz:

SEHEN → ANALYSIEREN → UMSETZEN → VERSTEHEN.

Für unsere Arbeit an den Sinnen und der Atmung können wir diesen Gedanken erweitern.

Zuerst nehmen wir etwas wahr.

Dann versuchen wir, die Situation zu verstehen.

Wir entscheiden, welche Handlung angemessen ist.

Wir führen unsere Bewegung aus.

Und anschließend überprüfen wir das Ergebnis.

Dieser Ablauf ist ein didaktisches Modell.

Im tatsächlichen Handeln laufen Wahrnehmung, Entscheidung und Bewegung häufig gleichzeitig und wechselseitig ab.

Gerade deshalb müssen wir immer wieder trainieren.

Nicht nur die Technik.

Sondern auch die Fähigkeit, Veränderungen rechtzeitig zu erkennen und unsere Bewegungen anzupassen.


20. MEIN PERSÖNLICHER GEDANKE NACH 47 JAHREN KAMPFKUNST

Liebe Freunde und Weggefährten,

wenn ich heute auf meinen Kampfkunstweg zurückblicke, denke ich nicht nur an Techniken, Prüfungen, Seminare und Begegnungen.

Ich denke auch daran, wie sehr sich mein Verständnis von Bewegung und Körperkontrolle über die Jahrzehnte verändert hat.

Als junger Karateka wollte ich stärker und schneller werden.

Mit zunehmender Erfahrung interessierte mich immer mehr, warum eine Technik funktioniert.

Warum kann eine kleine Bewegung wirksamer sein als eine große?

Warum kann eine ruhige Vorbereitung entscheidender sein als eine hektische Reaktion?

Warum verliert eine Technik ihre Wirkung, wenn die Körperstruktur zusammenbricht?

Und warum ist die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, manchmal wichtiger als die Fähigkeit, hart zuzuschlagen?

Heute sehe ich unsere Kampfkunst als einen fortlaufenden Lernprozess.

Der Körper trainiert.

Der Geist lernt.

Die Sinne werden geschult.

Der Atem begleitet jede Bewegung.

Und unsere Erfahrungen verändern die Art, wie wir die Welt wahrnehmen.

DU BIST DA. KARATE IST DA.

Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Lehren unseres Weges:

Wir müssen nicht immer schneller handeln.

Manchmal müssen wir zuerst besser wahrnehmen.

Wir müssen nicht immer mehr Kraft einsetzen.

Manchmal müssen wir zuerst unsere Bewegung verstehen.

Und wir müssen nicht immer kämpfen.

Manchmal zeigt sich unser Kampfgeist gerade darin, dass wir bewusst auf einen Kampf verzichten.


🐻 DAS VERMÄCHTNIS DER BÄRENSCHMIEDE

Unsere Forschungsarbeit über die Atmung und die Sinne soll nicht mit diesem Beitrag enden.

Sie bildet eine Grundlage für weitere technische Untersuchungen in unserem Training.

Wir werden Atemvarianten, Kata, Waffenführung, Körpermechanik und Wahrnehmung miteinander vergleichen.

Dabei werden wir historische Quellen, physiologische Erklärungen und unsere eigenen praktischen Beobachtungen voneinander unterscheiden.

Denn Kampfkunstgeschichte besteht nicht nur aus Namen, Jahreszahlen und Bildern.

Sie besteht auch aus dem Wissen, das Menschen über Generationen entwickelt, bewahrt und weitergegeben haben.

Ein Grad ist eine Station.

Erfahrung ist ein Weg.

Und das Vermächtnis ist das, was bleibt.

BREATH · AWARENESS · PERCEPTION · MOVEMENT · CONTROL

RESEARCH · PRACTICE · PRESERVE · PASS IT ON.

DIFFERENT MASTERS. DIFFERENT STYLES. ONE SPIRIT.

KEEP THE KARATE SPIRIT ALIVE.

THE WAY NEVER ENDS.

Mit Respekt vor unseren Lehrern, Meistern, Forschern und allen Weggefährten der Kampfkünste.

Renshi Mike Stein · 6th Dan Karate-Dō

Kampfkunstpraktiker · Forscher · Historiker · Autor und Publizist

Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede Dōjō

International Rin Dō Shinzen Budō Association – IRDSBA

BÄRENSTARK. 🐻🥋

OSU!

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