Der wahre Gegner – Der Pfeil trifft immer den Schützen
Kapitel 4
Der wahre Gegner – Der Pfeil trifft immer den Schützen
Der entscheidende Unterschied zwischen Kyūdō und Karate-Dō liegt nicht in der äußeren Form.
Er liegt in der Tiefe der inneren Arbeit.
Wer zum ersten Mal ein Kyūdō-Dōjō betritt, sieht einen Menschen mit einem langen Bogen, einen Pfeil und eine Zielscheibe in der Ferne. Wer zum ersten Mal ein Karate-Dōjō besucht, sieht Fausttechniken, Tritte, Kata und Kumite.
Doch diese äußeren Bilder täuschen.
In der Kata kämpfst du nicht gegen einen imaginären Gegner.
Im Kumite kämpfst du nicht gegen deinen Trainingspartner.
Im Kyūdō kämpfst du nicht gegen die Zielscheibe.
Der eigentliche Gegner ist immer derselbe:
Der Mensch, der du gestern noch warst.
Als ich damals im Kyūdō-Dōjō stand und meinem Freund und Sensei San zusah, glaubte ich noch, er würde auf eine Zielscheibe schießen.
Heute, viele Jahre später, weiß ich:
Er schoss niemals auf das Ziel.
Er schoss immer auf sich selbst.
Jeder Pfeil war eine Konfrontation mit dem eigenen Ego.
Mit Ungeduld.
Mit Unsicherheit.
Mit Zweifel.
Mit dem Wunsch, besser zu sein als andere.
Und mit dem Wunsch nach Anerkennung.
Jeder Schuss war ein stiller Akt der Selbstüberwindung.
Genau wie jede Kata.
Genau wie jede Technik.
Genau wie jedes Kumite.
Der Gegner stand nie vor ihm.
Der Gegner stand in ihm.
Und genau darin liegt die eigentliche Schönheit des Budō.

Der Weg der Erinnerung – Rin Dō
Mit zunehmendem Alter kehre ich gedanklich immer häufiger zum Rin Dō zurück – dem Weg der Erinnerung.
Dem Weg zu all den Begegnungen, Menschen und Budō-Richtungen, die mich geprägt und begleitet haben.
Unabhängig davon, welchen Stil jemand trainierte oder welche Kampfkunst er repräsentierte, verband uns alle dieselbe tiefe Faszination.
Nicht für den Kampf.
Sondern für den Weg.
Einer dieser besonderen Weggefährten ist mein guter Freund Karl Selg-Mann.
Kendo-Meister.
Winzer.
Landwirt.

Und ein Mensch mit einer außergewöhnlichen Ruhe.
Karl begann einst mit Karate, fand jedoch später im Kendō seine eigentliche Berufung.
Er ging nach Japan, studierte dort nicht nur die japanische Landwirtschaft, sondern tauchte gleichzeitig tief in die Welt des Kendō ein.
Wenn wir zusammensaßen, sprachen wir oft stundenlang über Budō.
Nicht über Graduierungen.
Nicht über Wettkämpfe.
Sondern über Geisteshaltung.
Über Tradition.
Über das Leben.
Ich erinnere mich besonders an die Abende in seinem Winzergarten.
Mehrere Meister saßen zusammen.
Wir schauten alte Samurai-Filme mit Toshirō Mifune – Die sieben Samurai, Yojimbo oder Samurai Rebellion.
Ab und zu wurde ein Glas Sake eingeschenkt.
Und irgendwann sagte Karl mit einem verschmitzten Lächeln:
„Mike, Kendō ist richtig japanisch. Du weißt doch, dass Karate ursprünglich aus China kommt.“
Ich musste lachen und antwortete:
„Aber am Ende machen wir doch alle dasselbe Budō.“
Heute denke ich oft an diesen Satz zurück.
Wie bei einem hohen Berg gibt es viele verschiedene Aufstiegsrouten.
Manche wählen den Weg des Schwertes.
Andere den Weg des Bogens.
Andere den Weg der leeren Hand.
Doch alle blicken zum selben Gipfel.
Eine Küche voller Kata
Eine meiner schönsten Erinnerungen verbindet Budō mit einem völlig alltäglichen Ort.
Nicht im Dōjō.
Nicht auf einem Seminar.
Sondern in der Küche.
Karl hatte sein altes Winzerhaus liebevoll ausgebaut.
Unsere Frauen kannten sich bereits aus Jugendtagen, und wir verbrachten viele gemeinsame Abende miteinander.
Während Karl kochte, beobachtete ich seine Bewegungen.
Seine Füße setzten kleine, präzise Schritte.
Fast unmerklich.
Aber sie folgten einem klaren Embusen.
Er trainierte unbewusst seine Fußarbeit, während er Gemüse schnitt.
Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, grinste er nur.
Ich stellte mich neben ihn und begann, Salat zu putzen.
Keine Minute später ertappte ich mich selbst dabei, wie meine eigenen Beine kleine Kata-Schritte ausführten.
Vor.
Zurück.
Seitwärts.
Drehen.
Wir sahen uns an.
Und mussten beide laut lachen.
In diesem Moment wurde mir etwas bewusst, das mich bis heute begleitet.
Budō endet nicht am Rand der Tatami.
Es lebt in der Küche.
Im Weinberg.
Beim Gehen.
Beim Arbeiten.
Beim Atmen.
Es wird Teil der Persönlichkeit.
Teil jeder Bewegung.
Teil des eigenen Lebens.
Rückblick mit 56 Jahren
Heute, mit 56 Jahren und nach vielen Jahrzehnten auf dem Weg des Budō, verstehe ich erst richtig, was ich damals als 28-jähriger Karateka im Kyūdō-Dōjō erlebt habe.
Damals wollte ich Kata trainieren.
Bunkai lernen.
Randori machen.
Ich suchte Bewegung.
Heute suche ich Stille.
Ich verstehe nun, dass Karate-Dō, Kyūdō, Kendō und viele andere Wege lediglich unterschiedliche Ausdrucksformen derselben tiefen Suche sind.
Sie lehren uns, den Blick nach innen zu richten.
Sie erinnern uns daran, dass der wahre Kampf niemals gegen einen anderen Menschen geführt wird.
Sondern gegen das eigene Ego.
Gegen Bequemlichkeit.
Gegen Angst.
Gegen Zweifel.
Der Pfeil trifft nicht die Scheibe.
Die Faust trifft nicht den Gegner.
Das Schwert trifft nicht den Feind.
Der wahre Treffer geschieht immer im eigenen Inneren.
Und vielleicht ist genau das die größte Erkenntnis, die Budō mir geschenkt hat.
Der Weg endet nie.
Er beginnt jeden Morgen neu.
Mit einem Atemzug.
Mit einer Verbeugung.
Mit einer Entscheidung.

Du bist da.
Budō ist da.
OSU
Renshi Mike Stein
