Tamashiwari am Strand von Dubai

Kapitel: Tamashiwari am Strand von Dubai

Der Wind vom Persischen Golf strich sanft über den Strand und trug den feinen Sand in kleinen Wellen über meine nackten Füße. Hinter mir spiegelte sich die untergehende Sonne in den Glasfassaden der Wolkenkratzer von Dubai. Vor mir stand ein hoher Turm aus sorgfältig übereinandergestapelten Gipskartonplatten.

Zwölf Platten.

Sauber ausgerichtet.

Still.

Fast so, als würden sie auf mich warten.

Ich musste lächeln.

Nicht aus Überheblichkeit.

Nicht aus Selbstvertrauen.

Sondern weil mich dieser Anblick plötzlich viele Jahrzehnte zurückversetzte.

Vor meinem inneren Auge erschien meine alte Makiwara.

Ich roch wieder den Duft von Holz, Hanf und Schweiß.

Ich hörte das dumpfe Geräusch unzähliger Fauststöße und spürte die Vibration, die sich damals bis tief in meine Knochen fortsetzte.

Ich erinnerte mich an Japan.

An die Stunden, in denen kaum gesprochen wurde.

An Lehrer, die mehr durch ihr Schweigen unterrichteten als durch tausend Worte.

An Dōjō, in denen Respekt nicht erklärt wurde – man lebte ihn.

Später stand meine eigene Makiwara im Dōjō.

Noch später begleitete sie mich in den Keller meines ersten Hauses in Mainz.

Dort wurde sie über viele Jahre mein treuester Trainingspartner.

Es gab Tage voller Energie.

Und es gab Tage, an denen ich erschöpft von der Arbeit nach Hause kam und am liebsten sofort schlafen wollte.

Doch die Makiwara wartete.

Immer.

Sie stellte keine Fragen.

Sie akzeptierte keine Ausreden.

Sie verlangte nur Ehrlichkeit.

Also schlug ich.

Nicht zehnmal.

Nicht hundertmal.

Tausende Male.

Zehntausende Male.

Immer wieder.

Mit jedem Schlag lernte ich etwas über Technik.

Noch viel mehr aber lernte ich etwas über mich selbst.

Heute sind meine Seiken längst nicht mehr so rau und schwielig wie damals. Nur kleine harte Stellen an den Knöcheln erinnern an diese Zeit. Die Energie entlädt sich inzwischen häufiger am Sandsack oder im Kumite.

Seit meinem Umzug steht die alte Makiwara eingepackt im Keller.

Manchmal denke ich an sie.

Und manchmal glaube ich, sie denkt auch an mich.

Als ich nun am Strand von Dubai vor diesem Turm aus Gipskarton stand, hatte ich plötzlich das Gefühl, als würde sie leise zu mir sprechen.

Nicht laut.

Nicht fordernd.

Fast liebevoll.

„Mike … das bist du mir schuldig.“

Ich schloss für einen Moment die Augen.

Der Wind wurde still.

Die Geräusche des Strandes verschwanden.

Und dann hörte ich einen zweiten Satz.

„Du darfst.“

Dieser eine Satz traf mich mitten ins Herz.

Nicht:

Du musst.

Nicht:

Du solltest.

Nicht einmal:

Du kannst.

Sondern:

Du darfst.

In diesem kleinen Wort lag eine unglaubliche Freiheit.

Es gab keinen Zwang.

Keinen Beweis, den ich jemandem liefern musste.

Keine Zuschauer.

Keine Urkunde.

Keine Medaille.

Keine Anerkennung.

Es gab nur mich.

Den Stapel.

Und meinen Weg.

Plötzlich hörte ich wieder die Stimme meines Meisters.

Ruhig.

Klar.

Unerschütterlich.

„Mike, egal ob zwei oder zweihundert Menschen hinter dir stehen – du bist da. Karate ist da.“

Mehr brauchte es nicht.

Karate war nie die Show.

Karate war nie der Applaus.

Karate war nie das Zerbrechen von Steinen.

Karate war immer der Weg.

Der Weg zu sich selbst.

Ich stellte mich vor den Turm.

Atmete ruhig ein.

Atmete langsam aus.

Der Blick wurde weich und gleichzeitig messerscharf.

Der Körper entspannte sich.

Der Geist wurde leer.

Und genau in diesem Moment wusste ich:

Es geht nicht darum, zwölf Platten zu brechen.

Es geht darum, keinen einzigen Zweifel mehr in sich zu tragen.

Der eigentliche Gegner steht niemals vor uns.

Er lebt in unseren Gedanken.

Er heißt Angst.

Er heißt Unsicherheit.

Er heißt Bequemlichkeit.

Und manchmal nennt er sich Vernunft, obwohl er nur eine gut gekleidete Form des Zweifels ist.

Tamashiwari lehrt uns, diesen Gegner zu erkennen.

Nicht ihn zu bekämpfen.

Sondern ihn zu überwinden.

Mit jedem Bruch zerbrechen nicht nur Gipsplatten.

Es zerbrechen Ausreden.

Es zerbrechen Ängste.

Es zerbrechen Grenzen, die wir uns selbst gesetzt haben.

Deshalb ist Tamashiwari für mich keine Demonstration körperlicher Kraft.

Es ist Meditation in Bewegung.

Es ist Vertrauen.

Es ist Demut.

Es ist die stille Gewissheit, dass jahrzehntelange Arbeit irgendwann zu einem einzigen Augenblick verschmilzt.

Ein Augenblick, der nur wenige Sekunden dauert.

Aber ein ganzes Leben widerspiegelt.

Als ich später auf die zerbrochenen Platten blickte, dachte ich nicht an den Bruch.

Ich dachte an meine alte Makiwara.

Und ich lächelte.

Denn irgendwo tief in meinem Herzen hatte ich das Gefühl, sie würde ebenfalls lächeln.

Vielleicht wusste sie schon immer etwas, das ich erst nach Jahrzehnten begriff.

All die unzähligen Schläge waren niemals dazu gedacht, Holz zu treffen.

Und auch die zwölf Platten am Strand von Dubai waren niemals mein eigentlicher Gegner.

Die Makiwara formte keine Faust.

Sie formte den Menschen, der davor stand.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis des Karate-dō.

Wir glauben, wir schmieden Techniken.

In Wahrheit schmieden wir unseren Charakter.

Und genau deshalb wird in der Rin Dō Shinzen Bärenschmiede bis heute nicht nur Eisen geschmiedet.

Sondern der Mensch.

OSU!

Renshi Mike Stein