Die Rückkehr – Wissen verpflichtet

  1. Die Rückkehr aus Japan – die Leere nach dem Abschied
  2. Der Blick zurück auf die Wurzeln (Nakayama 1980)
  3. Die Entwicklung des Karate in Europa
  4. Meine eigene Reise zum 3. Dan und die Begegnungen mit Beghetto und Shirai
  5. Die Verantwortung, Wissen weiterzugeben
  6. Die Geburt der Bärenschmiede und die Rückkehr ins heutige Dōjō

Ich würde die aktuelle Fassung daher so lesen:


Die Rückkehr – Wissen verpflichtet

Nach jeder Reise nach Japan und nach jeder bestandenen Dan-Prüfung begleitete mich auf dem Heimflug immer derselbe Gedanke.

Es war nicht die Freude über den neuen Gürtel, nicht die bestandene Prüfung und auch nicht der Stolz über die Anerkennung durch die japanischen Meister.

Es war vielmehr die Angst.

Die Angst, all das wieder zu verlieren.

Die Angst, die Menschen zurückzulassen, die mich in diesen wenigen Wochen so tief geprägt hatten. Mit jedem Abschied am Flughafen hatte ich das Gefühl, einen Teil meines Herzens in Japan zurückzulassen.

Doch je größer der zeitliche Abstand zu meinen Reisen wurde, desto deutlicher erkannte ich, dass mein Weg nicht erst in Japan begonnen hatte.

Er hatte viel früher angefangen.


Die Wurzeln – Bremen 1980

Schon als junger Karateka durfte ich erleben, wie kompromisslos und authentisch die Dan-Prüfungen und Gasshuku der damaligen Zeit durchgeführt wurden. Rückblickend waren sie weit mehr als technische Überprüfungen – sie waren Charakterprüfungen.

Im Jahr 1980 kam Masatoshi Nakayama Shihan, der legendäre Cheftrainer der Japan Karate Association, anlässlich der Weltmeisterschaft nach Bremen. Soweit ich mich erinnere, war es seine erste und zugleich letzte Reise nach Deutschland in dieser Funktion.

Für viele von uns war seine bloße Anwesenheit ein historischer Moment.

Unter seiner Leitung sowie gemeinsam mit Sensei Hideo Ochi und Sensei Iida legten zahlreiche deutsche Karateka ihre Dan-Prüfungen ab.

Nach einem der härtesten Gasshuku, das ich je erlebt habe, war es schließlich so weit.

Auch das Team der Taisho-Universität war angereist. Unter den Teilnehmern befanden sich Karateka wie Yasunori Ogura, die später selbst zu bedeutenden Lehrern werden sollten.

Die gesamte Woche war geprägt von unbarmherzigem Training.

Kihon.

Kata.

Kumite.

Immer wieder.

Viele Teilnehmer verloren mehrere Kilogramm Körpergewicht.

Nicht aus Ehrgeiz.

Sondern weil das Training jede körperliche und mentale Reserve forderte.

Man spürte noch den alten Geist des Karate.

Ohne Show.

Ohne Kompromisse.

Ohne Komfort.

Nakayama Shihan musste kaum etwas sagen.

Wenn er den Dōjō betrat, wurde es still.

Seine wenigen Korrekturen hatten mehr Gewicht als lange Vorträge.

Alle versuchten, ihre Haltung zu verbessern, ihre Technik sauberer auszuführen und keine Sekunde seiner Aufmerksamkeit zu verschwenden.

Seine Autorität beruhte nicht auf Lautstärke, sondern auf jahrzehntelanger Erfahrung und einer Ausstrahlung, die den gesamten Raum erfüllte.

Archivfoto 1980: Masatoshi Nakayama Shihan während der Weltmeisterschaft in Bremen. Für viele deutsche Karateka war seine Anwesenheit ein historischer Moment und eine seltene Gelegenheit, dem legendären Cheftrainer der JKA persönlich zu begegnen. Auch für mich wurde diese Begegnung zu einer bleibenden Inspiration auf meinem weiteren Weg im Karate-dō.


Die Karate-Welt verändert sich

In den folgenden Jahren begann sich die Karatewelt langsam zu verändern.

Ende der 1990er Jahre bauten zahlreiche bedeutende japanische Instruktoren eigene Organisationen in Europa auf.

Meister wie Hirokazu Kanazawa, Hiroshi Shirai oder Taiji Kase gingen ihre eigenen Wege.

Sensei Hideo Ochi blieb der Tradition der JKA und später des DJKB eng verbunden und wurde zu einer wichtigen Brücke zwischen Japan und Deutschland.

Hinter vielen dieser Entwicklungen standen organisatorische Fragen über Dan-Registrierungen, Lizenzen und die Verwaltung der Verbände.

Gleichzeitig stiegen die Kosten.

Lehrgänge mit hochrangigen japanischen Instruktoren wurden für viele Vereine kaum noch finanzierbar.

Wer zusätzlich eine Dan-Prüfung absolvieren wollte, musste oft weitere Gebühren für Prüfung und Registrierung aufbringen.

Immer häufiger stellte ich mir die Frage:

Bleibt Karate eine Lebensschule – oder entwickelt es sich zunehmend zu einem System aus Verbänden, Lizenzen und Verwaltungsstrukturen?


Die Prüfung zum 3. Dan – ein neuer Blick auf Karate

Zu den Menschen, die mich besonders geprägt haben, gehört Shihan Giuseppe Beghetto (8. Dan).

Im Jahr 1998 legte ich bei ihm meine Prüfung zum 3. Dan ab – zum ersten Mal außerhalb Japans.

Die Vorbereitung war intensiv.

Täglich arbeitete ich zusätzlich an Kihon, Kumite und vor allem an meiner Lieblingskata Nijūshiho.

Ich zerlegte jede Bewegung.

Analysierte die Anwendungen.

Suchte nach Bunkai.

Versuchte, hinter die äußere Form zu blicken.

Gerade Nijūshiho erhielt für mich durch den Einfluss von Shihan Hiroshi Shirai eine völlig neue Bedeutung.

Er betrachtete diese Kata nicht als bloße Form.

Sondern als ein vollständiges Nahkampfsystem voller Hebel, Kontrolltechniken, Würfe und feinster Körpermechanik.

Sein Verständnis von Rhythmus, Distanz und Timing eröffnete mir eine neue Welt.


Ein Lehrgang, der bis heute nachwirkt

Später nahm ich an einem kleinen und sehr exklusiven Lehrgang mit Meister Shirai teil.

Trainiert wurde die Kata Gankaku.

Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters wurde er von Sensei Marc Stevens, einem seiner engsten Schüler, begleitet.

Schon nach wenigen Minuten wurde deutlich, wie außergewöhnlich das Zusammenspiel der beiden funktionierte.

Marc Stevens schien viele Gedanken seines Lehrers bereits zu kennen, bevor sie ausgesprochen wurden.

Ihre Zusammenarbeit war nahezu wortlos.

Ein blindes Verständnis, das nur durch jahrzehntelange gemeinsame Praxis entstehen kann.

Besonders beeindruckten mich die Erklärungen zu den Einbein-Techniken der Gankaku.

Sie waren keine Balanceübungen.

Sie waren Hebel.

Kontrolle.

Wurftechniken.

Praktisches Karate.

Auch seine Erläuterungen über Atmung, Kime und innere Körpermechanik haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.


Wissen verpflichtet

Nach meiner Rückkehr suchte ich das Gespräch mit meinem deutschen Meister.

Ich erzählte ihm von Japan.

Von Okinawa.

Von Beghetto.

Von Shirai.

Von den vielen neuen Erkenntnissen.

Er hörte aufmerksam zu und sagte schließlich nur einen einzigen Satz:

„Mike, du hast jetzt neues Wissen erworben. Jetzt musst du selbst Training geben und uns alle daran teilhaben lassen. Du darfst die Rosinen nicht für dich behalten.“

Dieser Satz begleitet mich bis heute.

In diesem Augenblick verstand ich, dass das größte Geschenk meiner Reisen nicht die Dan-Urkunden waren.

Es waren die Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen.

Und die Verantwortung, ihr Wissen lebendig weiterzugeben.

Also begann ich zu unterrichten.

Nicht jeder konnte nach Japan reisen.

Nicht jeder konnte an exklusiven Seminaren teilnehmen.

Aber jeder sollte die Möglichkeit haben, von diesen Erfahrungen zu profitieren.

Denn Wissen wächst nicht dadurch, dass man es bewahrt.

Es wächst dadurch, dass man es teilt.


Die Bärenschmiede

Der Kreis Rin Dō Shinzen ist seit jeher eigene Wege gegangen.

Angesichts der zunehmenden Politisierung und Kommerzialisierung des Karate stelle ich mir bis heute nach jeder Dan-Prüfung dieselbe Frage:

„Ist das meine letzte Prüfung?“

Die eigentliche Prüfung besteht für mich jeden Morgen neu.

Wenn ich das Dōjō betrete.

Wenn ich den Gi anziehe.

Wenn ich mich verbeuge.

Wenn ich trainiere.

Prüfungen spiegeln nur einen Augenblick wider.

Man kann hervorragend vorbereitet sein – und trotzdem einen schlechten Tag erwischen.

Oft machen wir diese Prüfungen eher für Verbände als für uns selbst.

Bei vielen Meistern hängen die Urkunden stolz an der Wand.

Dann frage ich manchmal:

„Wann hast du zuletzt wirklich trainiert?“

Die Antworten ähneln sich erstaunlich:

„Meine Hüfte macht nicht mehr mit.“

„Mein Knie spielt nicht mehr mit.“

„Die Zeit fehlt.“

In solchen Momenten denke ich oft:

Eine Urkunde allein macht noch keinen Karateka.

Sie ist nur Papier.

Ich bin nicht die Urkunde.

Ich bin Karate.

Und immer wieder höre ich die Stimme meines Meisters:

„Mike, du musst die Prüfung machen. Diesmal nicht nur für dich, sondern für deine Schüler. Sie sollen sehen, dass ihr Meister sich weiterentwickelt. Dein Training und deine Haltung sollen mit der nächsten Dan-Prüfung belohnt werden.“

Rückblickend erkenne ich heute, dass genau dort der eigentliche Ursprung der Rin Dō Shinzen Bärenschmiede liegt.

Nicht in einem neuen Stil.

Nicht in einer neuen Organisation.

Sondern in der Verpflichtung, das weiterzugeben, was mir selbst anvertraut wurde.

Von den kompromisslosen Lehrgängen unter Nakayama Shihan.

Von den intensiven Jahren in Japan.

Von den Begegnungen mit Shirai, Beghetto und vielen anderen Lehrern.

Das Eisen wird weiter geschmiedet.

Manchmal in Japan.

Manchmal in Italien.

Manchmal in Polen.

Und manchmal am Rhein – in unserem stillen Hombu Dōjō der Bärenschmiede.

Denn entscheidend ist nicht der Ort.

Entscheidend ist die Aufrichtigkeit des Herzens.

Die Reise durch meine Dan-Prüfungen endet hier.

Was bleibt, sind keine Gürtel.

Keine Urkunden.

Keine Titel.

Was bleibt, ist Verantwortung.

Mit diesem Bewusstsein kehre ich zurück.

Zurück auf die Tatami.

Zurück zu meinen Schülerinnen und Schülern.

Zurück in die Rin Dō Shinzen Bärenschmiede.

Denn dort wird jeden Tag aufs Neue geschmiedet.

Nicht Stahl.

Sondern Charakter.

OSU!

Renshi Mike Stein