Ich stand vor den übereinandergestapelten Gipskartonblöcken, und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, sie würden mich anlächeln.
Zwölf Platten.

Still.
Geduldig.
Als würden sie auf eine Entscheidung warten.
In meinem Inneren hallte immer wieder dieselbe Frage wider:
„Soll ich es wirklich machen? Soll ich diesen Zirkus wirklich aufführen?“
Ich musste schmunzeln.
Nicht aus Unsicherheit.
Sondern weil ich längst wusste, dass es bei diesem Tamashiwari nicht um die Gipsplatten ging.
Ich wusste nicht einmal mehr genau, wann ich zuletzt einen Bruchtest durchgeführt hatte. Seit meiner Prüfung zum ersten Dan hatte ich kaum noch welche gemacht.
Stattdessen hatte ich viele Jahre auf meine alte Makiwara eingeschlagen.
Tag für Tag.
Hart.
Konsequent.
Ohne Zuschauer.
Ohne Applaus.
Ohne Kamera.

Sie stand im Keller meines ersten Hauses in Mainz und war mein ehrlichster Trainingspartner.
Nach dem Umzug musste ich sie abbauen.
Heute steht sie eingewickelt in einem Tuch in meinem neuen Keller.
Still.
Verstaubt.
Fast vergessen.

Und doch schmerzt mich ihr Anblick jedes Mal.
Denn ich weiß, was sie für mich bedeutet.
Hier, am Strand von Dubai, wurden die gestapelten Gipskartonplatten plötzlich zu einer ganz anderen Herausforderung.
Nicht körperlich.
Geistig.
Leise, aber deutlich hörbar, meldete sich meine innere Stimme.

„Mike … komm. Warum nicht?
Mach es für deine Makiwara, die dort unten im Dunkeln steht.“
Ich wusste, dass ich die Technik beherrschte.
Daran gab es keinen Zweifel.
Doch darum ging es überhaupt nicht.
In meiner kleinen Wohnung in Mainz hätte sich wahrscheinlich schon nach wenigen Minuten ein Nachbar über den Lärm beschwert.
Hier dagegen standen Menschen am Strand, schauten neugierig zu und hofften sogar, dass ich es tun würde.
Was dort verboten war, war hier plötzlich willkommen.
Und genau in diesem Moment wurde mir etwas bewusst.
Niemand zwang mich.
Niemand erwartete einen Beweis.
Niemand wollte eine Prüfung sehen.
Es gab keinen Verband.
Keine Urkunde.
Keine Medaille.
Keine Anerkennung.
Ich musste niemanden beeindrucken.
Nicht einmal mich selbst.
Dann hörte ich diese leise Stimme erneut.
Sanft.
Fast väterlich.
„Jetzt darfst du.“
Nicht:
„Jetzt musst du.“
Nicht:
„Jetzt kannst du.“
Sondern:
„Jetzt darfst du.“
Und in diesem kleinen Wort lag die ganze Freiheit des Budō.
Der Weg verlangt nichts.
Er lädt ein.
Er zwingt nicht.
Er öffnet eine Tür.
Ob wir hindurchgehen, entscheiden wir selbst.
Vielleicht besteht wahre Meisterschaft genau darin.
Nicht dann zu handeln, wenn man muss.
Sondern dann, wenn man es aus tiefstem Herzen darf.
Ich blickte noch einmal auf die zwölf Platten.
Sie waren nie mein Gegner.
Der einzige Gegner stand wie so oft in mir selbst.
Und als ich schließlich zum Bruch ansetzte, wusste ich:
Ich zerbreche keinen Gips.
Ich zerbreche den letzten Zweifel.
OSU.
Renshi Mike Stein
Der Geist des Budō
Ich stand vor den übereinandergestapelten Gipskartonblöcken, und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, sie würden mich anlächeln.
Zwölf Platten.
Still.
Geduldig.
Als würden sie auf eine Entscheidung warten.
In meinem Inneren hallte immer wieder dieselbe Frage wider:
„Soll ich es wirklich machen? Soll ich diesen Zirkus wirklich aufführen?“
Ich musste schmunzeln.
Nicht aus Unsicherheit.
Sondern weil ich längst wusste, dass es bei diesem Tamashiwari nicht um die Gipsplatten ging.
Ich wusste nicht einmal mehr genau, wann ich zuletzt einen Bruchtest durchgeführt hatte. Seit meiner Prüfung zum ersten Dan hatte ich kaum noch welche gemacht.
Stattdessen hatte ich viele Jahre auf meine alte Makiwara eingeschlagen.
Tag für Tag.
Hart.
Konsequent.
Ohne Zuschauer.
Ohne Applaus.
Ohne Kamera.
Sie stand im Keller meines ersten Hauses in Mainz und war mein ehrlichster Trainingspartner.
Nach dem Umzug musste ich sie abbauen.
Heute steht sie eingewickelt in einem Tuch in meinem neuen Keller.
Still.
Verstaubt.
Fast vergessen.
Und doch schmerzt mich ihr Anblick jedes Mal.
Denn ich weiß, was sie für mich bedeutet.
Hier, am Strand von Dubai, wurden die gestapelten Gipskartonplatten plötzlich zu einer ganz anderen Herausforderung.
Nicht körperlich.
Geistig.
Leise, aber deutlich hörbar, meldete sich meine innere Stimme.
„Mike … komm. Warum nicht?
Mach es für deine Makiwara, die dort unten im Dunkeln steht.“
Ich wusste, dass ich die Technik beherrschte.
Daran gab es keinen Zweifel.
Doch darum ging es überhaupt nicht.
In meiner kleinen Wohnung in Mainz hätte sich wahrscheinlich schon nach wenigen Minuten ein Nachbar über den Lärm beschwert.
Hier dagegen standen Menschen am Strand, schauten neugierig zu und hofften sogar, dass ich es tun würde.
Was dort verboten war, war hier plötzlich willkommen.
Und genau in diesem Moment wurde mir etwas bewusst.
Niemand zwang mich.
Niemand erwartete einen Beweis.
Niemand wollte eine Prüfung sehen.
Es gab keinen Verband.
Keine Urkunde.
Keine Medaille.
Keine Anerkennung.
Ich musste niemanden beeindrucken.
Nicht einmal mich selbst.
Dann hörte ich diese leise Stimme erneut.
Sanft.
Fast väterlich.
„Jetzt darfst du.“
Nicht:
„Jetzt musst du.“
Nicht:
„Jetzt kannst du.“
Sondern:
„Jetzt darfst du.“
Und in diesem kleinen Wort lag die ganze Freiheit des Budō.
Der Weg verlangt nichts.
Er lädt ein.
Er zwingt nicht.
Er öffnet eine Tür.
Ob wir hindurchgehen, entscheiden wir selbst.
Vielleicht besteht wahre Meisterschaft genau darin.
Nicht dann zu handeln, wenn man muss.
Sondern dann, wenn man es aus tiefstem Herzen darf.
Ich blickte noch einmal auf die zwölf Platten.
Sie waren nie mein Gegner.
Der einzige Gegner stand wie so oft in mir selbst.
Und als ich schließlich zum Bruch ansetzte, wusste ich:
Ich zerbreche keinen Gips.
Ich zerbreche den letzten Zweifel.
OSU.
Renshi Mike Stein
