Der Berg und seine Kraft

Guten Morgen, liebe Freunde und Weggefährten – Der Berg und seine Kraft

Guten Morgen, liebe Freunde und Weggefährten,

heute schaue ich zum großen Berg.

Zum Fuji-san.

Schon seit Jahrhunderten blicken die Menschen in Japan mit Ehrfurcht zu ihm auf. Himmel, Meer, Tor und Geist scheinen sich in diesem einen Berg zu verbinden. Er steht da wie ein stiller Wächter zwischen Erde und Himmel – manchmal von Wolken verborgen, manchmal im klaren Morgenlicht, aber immer unerschütterlich.

Außerhalb Japans hört man häufig den Namen Fujiyama. In Japan begegnet uns vor allem Fuji-san – 富士山.

Mit seinen 3.776 Metern ist er der höchste Berg Japans und ein aktiver Vulkan. Doch Fuji-san ist weit mehr als nur Gestein, Schnee und Höhe.

Er ist Symbol.
Er ist Kraft.
Er ist Beständigkeit.
Und vielleicht ist er auch ein stiller Lehrer.

Der August ist für mich persönlich ein besonderer Monat.

Am heutigen 4. August gibt es in Japan zwar keinen landesweiten gesetzlichen Feiertag, aber nur wenige Tage später, am 11. August, begeht Japan den Yama no Hi – 山の日, den Berg-Tag.

Dieser Tag erinnert daran, den Bergen nahe zu sein und dankbar für das zu sein, was sie den Menschen und der Natur geben.

Vielleicht berührt mich dieser Gedanke auch deshalb besonders, weil ich selbst im August geboren bin.

In der westlichen Astrologie beginnt der August im Zeichen des Löwen. Ihm werden Kraft, Mut, Selbstbewusstsein und ein starker Charakter zugeschrieben.

Aber mit zunehmendem Alter und nach vielen Jahrzehnten auf dem Weg des Karate verstehe ich Stärke anders als früher.

Stärke muss nicht laut sein.

Ein Berg muss niemandem beweisen, dass er stark ist.

Er steht einfach da.

Fest mit der Erde verbunden und gleichzeitig dem Himmel zugewandt.

Auch in unserem Karate trägt der Berg seinen Namen:

Yama-zuki – der Bergstoß.

Zwei Fäuste wirken gleichzeitig – eine hoch, eine tief. Der gesamte Körper verbindet beide Richtungen zu einer Bewegung. Nicht nur die Arme arbeiten. Hüfte, Rumpf, Haltung, Atmung und Verwurzelung müssen eine Einheit bilden.

Vielleicht liegt genau darin die tiefere Verbindung zum Berg.

Wenn ich morgens im Dōjō stehe, denke ich manchmal darüber nach, wie oft wir im Leben versuchen, höher zu kommen, stärker zu werden und immer mehr zu erreichen.

Dabei vergessen wir manchmal, dass wahre Stärke nicht nur im Hinaufsteigen liegt.

Sie liegt auch im Standhalten.

Im Geerdet-Sein.

Im ruhigen Atmen, während um uns herum der Sturm vorbeizieht.

Fuji-san lehrt uns:

Echte Kraft braucht keinen Lärm.
Echte Stärke braucht kein Prahlen.
Ein Berg muss niemandem erklären, dass er ein Berg ist.

Vielleicht sollten auch wir im Budō ein wenig mehr wie dieser Berg werden.

Nicht jeden Tag beweisen wollen, wie stark wir sind.

Nicht jedem zeigen müssen, was wir können.

Einfach weiter trainieren.

Weiter lernen.

Weiter wachsen.

Und nach Jahrzehnten noch immer bereit sein, am Anfang zu stehen.

Heute wünsche ich euch genau diese Haltung:

Fest wie der große Berg.
Ruhig wie sein Gipfel im Morgenlicht.
Stark wie der Löwe.
Geerdet mit beiden Füßen.
Und trotzdem immer mit dem Blick nach oben.

Der August erinnert mich daran, dass Kraft viele Gesichter hat.

Fuji-san.
Yama no Hi.
Yama-zuki.
Kraft. Ruhe. Beständigkeit. Geist.

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen und kraftvollen guten Morgen.

Bleibt stark.
Bleibt stabil.
Bleibt geerdet.

OSU!

Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede

Der Weg endet nie. 🥋⛰️🦁