🥋 DER BAUM MUSS WEITERWACHSEN

🥋 DER BAUM MUSS WEITERWACHSEN

BUDŌ-KALENDER | 31. AUGUST

IN MEMORY OF SEIKICHI TOGUCHI SENSEI (1917–1998)

Guten Morgen, ihr Lieben, liebe Freunde und Weggefährten,

heute, am 31. August, erinnern wir an einen bedeutenden Meister des okinawanischen Karate:

Seikichi Toguchi Sensei (1917–1998), Gründer des Shorei-kan.

Er starb am 31. August 1998 im Alter von 81 Jahren in Tokio. Toguchi wurde auf Okinawa geboren, lernte zunächst Grundlagen des Okinawa-Te und begann als junger Mann sein Gōjū-ryū-Studium im Dōjō von Sekō Higa Sensei. Zugleich erhielt er Unterricht von Chōjun Miyagi Sensei, dem Begründer des Gōjū-ryū. Später gehörte Toguchi dem Vorstand der von Miyagi geleiteten Gōjū-ryū Shinkō-kai an. Nach Miyagis Tod wurde er Vizepräsident der Nachfolgeorganisation. (shoreikan-nyc.com)

Aber für mich wird seine Geschichte an einem anderen Punkt besonders interessant.

Toguchi Sensei bewahrte nicht nur.
Er entwickelte weiter.

Nach dem Tod seines Lehrers hätte er einfach sagen können:

„So wurde es mir gezeigt. Also darf niemals etwas verändert werden.“

Doch Tradition bedeutet nicht zwangsläufig Stillstand.

Toguchi gründete sein Shorei-kan und arbeitete daran, das überlieferte Wissen methodisch weiterzugeben. In der Shorei-kan-Tradition wird beschrieben, wie er progressive Lernformen sowie Bunkai und Kiso Kumite entwickelte, um Anwendungen und Prinzipien systematisch verständlich zu machen. Später trug er sein Karate über Okinawa und Japan hinaus und unterrichtete unter anderem in Nordamerika und Europa. (shoreikan-karate.com)

Darin erkenne ich einen Gedanken wieder, der mich auf meinem eigenen Weg seit vielen Jahren begleitet:

Unsere Meister geben uns einen Grundstein.
Aber sie bauen nicht unser gesamtes Haus.

Ein Meister sagte einmal zu mir sinngemäß:

„Das, was andere uns hinterlassen haben, ist die Grundlage dessen, was wir als Nachkommen in der Pflicht haben, weiterzuentwickeln, weiterzuvermitteln und zu vertiefen.“

Dieser Satz ist für mich wichtig.

Denn Respekt vor einem Gründer bedeutet für mich nicht, mein eigenes Denken einzustellen.

Ganz im Gegenteil.

Wenn uns ein großer Meister eine Grundlage hinterlässt, dann haben wir die Verantwortung, sie zu studieren.

Nicht oberflächlich.

Nicht für einen neuen Gürtel.

Sondern über Jahrzehnte.

Wir müssen versuchen zu verstehen, warum etwas funktioniert.

Und irgendwann müssen wir auch die Frage stellen:

Was bedeutet dieses Prinzip für meinen eigenen Körper, meine eigene Struktur und meinen eigenen Weg?

Genau so arbeite ich bis heute.

Ich sehe eine Kata.

Eine Kombination.

Eine Anwendung.

Eine Bewegung aus einem anderen Karate-Stil oder manchmal sogar aus einer anderen Kampfkunst.

Dann frage ich nicht zuerst:

„Darf ich das übernehmen?“

Ich frage:

„Was steckt darin?“

Was macht die Hüfte?

Wie arbeitet der Schwerpunkt?

Wo entsteht die Kraft?

Wie wird geatmet?

Wie verändert sich die Distanz?

Wie reagiert der Körper?

Und schließlich:

Passt dieses Prinzip zu meiner Struktur und zu meinem Geist?

Wenn ich darin etwas Sinnvolles erkenne, nehme ich es mit ins Dōjō.

Dann wird es ausprobiert.

Hundertmal.

Tausendmal.

Manches verschwindet wieder.

Manches verändert etwas.

Und manches begleitet einen anschließend ein Leben lang.

Das ist für mich keine Respektlosigkeit gegenüber der Tradition.

Das ist lebendige Tradition.


🌲 DIE WURZELN UND DER BAUM

Dabei muss ich wieder an Gichin Funakoshi Sensei und die Kiefer denken.

„Shōtō“ war Funakoshis Künstlername; die offizielle Nihon Karate-dō Shōtō-kai verbindet ihn mit der Kiefer und starken Wellen. Und am 27. August 1998 wurde im Sueyoshi Park in Naha tatsächlich die „Pine of Appreciation“ zum Gedenken an Funakoshi und seinen 130. Geburtstag gepflanzt. (shotokai.jp)

Für mich ist dieser Baum inzwischen zu einem wunderbaren Bild für Karate-Dō geworden.

Die Wurzeln sind unsere Meister.

Sie geben Halt.

Sie geben Nahrung.

Sie verbinden uns mit der Geschichte.

Der Stamm ist unsere Grundlage.

Kihon. Kata. Haltung. Disziplin. Dōjō-Kun. Die Prinzipien, auf denen unser Karate aufgebaut wurde.

Aber dann kommen die Äste.

Und kein gesunder Baum besitzt nur einen einzigen Ast.

Er verzweigt sich.

Er wächst zum Licht.

Er übersteht Stürme.

Manchmal verliert er einen Ast.

Dann wächst ein neuer.

Und trotzdem bleibt er mit denselben Wurzeln verbunden.

Ein Baum, der nicht mehr wächst, beginnt irgendwann zu sterben.

Vielleicht gilt etwas Ähnliches für Budō.

Tradition ohne Wurzeln verliert ihre Identität.

Aber Tradition ohne Entwicklung kann zu einem Museum werden.

Unsere Aufgabe liegt für mich zwischen diesen beiden Extremen:

Bewahren und entwickeln.
Respektieren und hinterfragen.
Lernen und weitergeben.


🐯 🐉 🐍 🐦 UND DIE TIERE?

Auch die Tierbilder der asiatischen Kampfkünste erzählen davon.

Tiger, Kranich, Schlange und Drache begegnen uns in unterschiedlichen chinesischen und okinawanischen Traditionen. Besonders der Weiße Kranich wird immer wieder mit Einflüssen auf die Entwicklung okinawanischer Kampfkünste in Verbindung gebracht. (kampfkunstteam.de)

Für mich müssen wir daraus keine mystische Geschichte machen.

Ich sehe Tiere vielmehr als Bilder für Bewegungsqualitäten.

Der Tiger erinnert an Entschlossenheit und explosive Kraft.

Der Kranich an Balance, Distanz und Präzision.

Die Schlange an Anpassungsfähigkeit und fließende Bewegung.

Der Drache steht in vielen Traditionen für etwas, das über reine Muskelkraft hinausgeht.

Und in unserer Bärenschmiede steht der Bär für etwas, das meinen eigenen Weg sehr gut beschreibt:

Erdung. Struktur. Ruhe. Hüfte. Masse. Kraft aus dem Boden.

Nicht jedes dieser Bilder gehört historisch zu demselben Karate-Stil.

Das muss es auch nicht.

Denn wir dürfen über unseren eigenen Dōjō-Rand hinausschauen, ohne unsere Wurzeln zu verlieren.


🥋 ÜBER DEN STIL HINAUS

Nach vielen Jahren interessiert mich deshalb immer weniger die Frage:

„Welcher Stil ist der beste?“

Mich interessiert:

„Was kann ich daraus lernen?“

Ich kann Gōjū-ryū betrachten, ohne Gōjū-ryū-Karateka zu werden.

Ich kann eine Bewegung aus dem Tai Chi untersuchen, ohne daraus Shotokan machen zu müssen.

Ich kann im Kendō etwas über Maai entdecken.

Im Kyūdō etwas über Atmung, Ruhe und Zanshin.

In einer anderen Karate-Linie vielleicht eine Hüftbewegung sehen, die mich dazu bringt, meine eigene Technik neu zu untersuchen.

Und ich kann anschließend wieder in mein Dōjō gehen und meine Kata trainieren.

Meine Wurzeln sind deshalb nicht schwächer geworden.

Vielleicht sind sie sogar tiefer geworden.

Denn auch Funakoshis eigene Linie blieb nicht technisch eingefroren: Die offizielle Shōtō-kai-Geschichte beschreibt beispielsweise Yoshitaka Funakoshi ausdrücklich als jemanden, der die Bewegungen seines Vaters weiterentwickelte und an der technischen Systematisierung des Karate mitwirkte. (shotokai.jp)

Das ist ein wichtiger Gedanke:

Weiterentwicklung ist nicht automatisch Verrat an der Tradition.

Entscheidend ist, ob wir verstehen, was wir verändern – und warum.


Heute, am Todestag von Seikichi Toguchi Sensei, denke ich deshalb nicht nur an einen großen Gōjū-ryū-Meister.

Ich denke an das Prinzip des Weitergebens.

Ein Lehrer pflanzt einen Samen.

Ein Schüler lässt daraus Wurzeln entstehen.

Irgendwann wird der Schüler selbst Lehrer.

Und dann steht er vor derselben Verantwortung:

Bewahre, was wertvoll ist.
Prüfe, was du gelernt hast.
Vertiefe, was du verstanden hast.
Und gib es an die nächste Generation weiter.

Wir sind keine Kopien unserer Lehrer.

Und unsere Schüler sollen keine Kopien von uns werden.

Wenn wir unsere Aufgabe richtig erfüllen, geben wir ihnen starke Wurzeln – und genügend Freiheit, irgendwann eigene Äste wachsen zu lassen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Karate nach so vielen Generationen noch lebt.

Die Meister gehen.

Der Baum wächst weiter.

Und irgendwo steht heute wieder ein Schüler im Dōjō, wiederholt eine Bewegung und entdeckt darin etwas, das schon Generationen vor ihm gesucht haben.

Dann schließt sich der Kreis.

Rin Dō Shinzen.

Der Kreis.

Der Weg.

Wahrhaftigkeit.

Das Streben nach dem Guten.

Und die Erkenntnis, dass wir auf diesem Weg niemals fertig sind.

Heute trainieren wir deshalb nicht nur für uns selbst.

Wir trainieren aus Dankbarkeit gegenüber denen, die vor uns gegangen sind – und aus Verantwortung gegenüber denen, die nach uns kommen werden.

In respektvoller Erinnerung an

SEIKICHI TOGUCHI SENSEI
1917–1998

HONOR THE ROOTS.
LET THE TREE GROW.
KEEP THE KARATE SPIRIT ALIVE.

THE WAY NEVER ENDS.

OSU! 🥋🐻🌲

Renshi Mike Stein – 6. Dan
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede Dōjō
INTERNATIONAL RIN DŌ SHINZEN BUDŌ ASSOCIATION – IRDSBA