🥋 ELVIS ALS KARATEMEISTER?

🥋 ELVIS ALS KARATEMEISTER?

Vom Schüler Jürgen Seydels zum 8. Dan – und die Frage, was ein Meistergrad wirklich bedeutet

Guten Morgen, liebe Freunde und Weggefährten der Bärenschmiede und der IRDSBA!

Manchmal findet man in einem alten Archiv ein einzelnes Blatt Papier – und plötzlich öffnet sich dahinter eine ganze Geschichte.

Bei unseren Recherchen zur frühen Geschichte des Karate in Deutschland stießen wir im Archiv unseres Freundes Jochen Harms auf einen Brief von Jürgen Seydel vom 28. März 1996.

Seydel gehörte zu den entscheidenden Pionieren des deutschen Karate. Und in diesem Brief erinnert er sich an einen außergewöhnlichen Schüler:

Elvis Presley.

Ja – den Elvis Presley.

Doch hinter dieser oft erzählten Anekdote steckt eine wesentlich größere Geschichte.

Bad Nauheim, 1959

Elvis Presley leistete damals seinen Militärdienst in Deutschland.

Karate war hierzulande noch weitgehend unbekannt. Jürgen Seydel gehörte zu jener kleinen Pioniergeneration, die versuchte, diese Kampfkunst überhaupt erst in Deutschland aufzubauen.

Nach Seydels eigener Erinnerung begann er am 6. Dezember 1959, Elvis in dessen Wohnung in Bad Nauheim zu unterrichten.

Der Deutsche Karate Verband berichtet ebenfalls über diese Verbindung und darüber, dass Elvis einmal mit Seydel am regulären Training in Bad Homburg teilnahm. (Karate)

Und dafür existiert sogar eine weitere Zeitzeugenspur.

Dietmar Biemel erinnerte sich später an dieses Training und an die außergewöhnliche Situation, plötzlich gemeinsam mit dem berühmtesten Soldaten Deutschlands auf der Tatami zu stehen. Ein älterer Bericht im JKA-Magazin dokumentiert diese Erinnerungen ebenfalls. (DJKB)

Damit war Elvis nicht einfach ein prominenter Besucher, dem man für ein Foto einen Karate-Gi anzog.

Er trainierte.

Und er wollte mehr lernen.


🇩🇪➡️🇫🇷 Elvis und Seydel fahren nach Paris

Im Januar 1960 geschieht etwas, das für mich zu den schönsten Teilen dieser Geschichte gehört.

Seydel fährt mit seinem berühmten Schüler nach Paris.

Das Ziel war nicht ein Konzert.

Keine Filmproduktion.

Keine Presseveranstaltung.

Das Ziel war Karate.

Dort trainierte Elvis bei dem japanischen Karatepionier Tetsuji Murakami.

Die offizielle Graceland-Chronologie bestätigt die Reise: Vom 12. bis 17. Januar 1960 war Elvis mit Jürgen Seydel in Paris und trainierte dort täglich bei Murakami in Shotokan-Technik.

Und es gibt sogar eine wunderbare historische Spur dazu.

Im JKA-Magazin erinnerte sich Dietmar Biemel daran, dass er am 16. Januar 1960 eine Ansichtskarte aus Paris von Seydel erhielt – mit Unterschriften unter anderem von Elvis Presley und Tetsuji Murakami. (DJKB)

Das ist Karategeschichte zum Anfassen.

Ein deutscher Karatepionier.

Ein amerikanischer Soldat und Weltstar.

Ein japanischer Karate-Meister.

Paris 1960.

Drei Welten begegnen sich durch Karate.


🇺🇸 Der Weg endet nicht in Deutschland

Am Anfang März 1960 endet Elvis Presleys Zeit in Deutschland.

Aber nicht seine Beschäftigung mit Karate.

Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten trainierte er weiter. Graceland dokumentiert, dass Elvis noch 1960 seinen 1. Dan unter dem Chitō-Ryū-Karateka Hank Slemansky erhielt. (Graceland)

Und dieser Punkt ist für unsere Geschichte wichtig:

Der erste schwarze Gürtel kam nicht als Geschenk an einen Weltstar.

Hinter Elvis lagen bereits Training in Deutschland, Unterricht bei Seydel, die Reise nach Paris zu Murakami und anschließend weiteres Training in den USA.

Sein Interesse an den Kampfkünsten blieb bestehen.

Später wurde Ed Parker, einer der bedeutendsten Vertreter des amerikanischen Kenpo, ein wichtiger Lehrer und Weggefährte.

In den 1970er Jahren trainierte Elvis schließlich intensiv bei Kang Rhee in Memphis.

Und dann beginnt der Teil der Geschichte, der bis heute Diskussionen auslöst.


🥋 Vom 1. Dan zum 7. und 8. Dan

Kang Rhees Überlieferung zufolge trainierte Elvis von 1970 bis 1974 regelmäßig bei ihm.

Im Dōjō war der Weltstar nicht einfach „Elvis“.

Sein martialischer Name wurde:

MR. TIGER

1973 verlieh Kang Rhee ihm den 7th Degree Black Belt. Eine erhaltene Urkunde über den 7. Grad ist auf den 9. September 1974 datiert; die dazugehörige Überlieferung erklärt, dass der Grad bereits 1973 verliehen worden war. (ELVIS PRESLEY MUSEUM)

Und am 16. September 1974 folgte schließlich:

8TH DEGREE BLACK BELT

Auch Graceland führt Elvis‘ Entwicklung ausdrücklich bis zum 8. Grad im September 1974. (Graceland)

Spätestens hier müssen wir als Budō-Menschen eine Frage stellen:

War Elvis Presley wirklich ein Karate-Meister auf dem Niveau eines 8. Dan?

Und darauf gibt es keine einfache Antwort.


⚖️ Prüfung – Graduierung – Ehrung

Wir müssen zwei Dinge voneinander trennen.

Dass Elvis ernsthaft Kampfkünste trainierte, ist historisch gut belegt.

Dass ihm hohe Dan-Grade verliehen wurden, ist ebenfalls dokumentiert.

Eine andere Frage ist jedoch:

Nach welchen Kriterien wurden diese Grade verliehen?

Ein Dan ist bis heute keine weltweit einheitlich normierte Qualifikation.

Ein 5. Dan einer Organisation muss nicht nach denselben Anforderungen erworben worden sein wie ein 5. Dan einer anderen Organisation.

Noch schwieriger wird es bei hohen Graduierungen.

Hier können neben technischer Leistung auch Lebensleistung, Lehrtätigkeit, Aufbauarbeit, besondere Verdienste oder eine ausdrückliche Ehrung eine Rolle spielen.

Und genau deshalb wurde über Elvis‘ hohe Grade schon damals und später diskutiert.


👑 Der berühmte Schüler

Hier liegt ein grundsätzliches Problem, das weit über Elvis hinausgeht.

Sobald ein berühmter Schauspieler, Musiker, Politiker oder Sportstar einen hohen Grad erhält, entsteht Misstrauen:

Hat er ihn wirklich erarbeitet?

Oder:

Hat sein Name die Graduierung beschleunigt?

Das kann berechtigte Kritik sein.

Es kann aber genauso unfair sein.

Denn ein berühmter Mensch verliert nicht automatisch seine Trainingsleistung, nur weil er berühmt ist.

Ein Popstar kann schwitzen.

Ein Schauspieler kann jahrelang trainieren.

Ein Millionär kann morgens im Dōjō genauso müde sein wie jeder andere Schüler.

Der Name allein beweist weder Können noch Unvermögen.

Deshalb sollten wir Elvis weder künstlich zum Großmeister erklären noch sein Karate als PR-Geschichte abtun.


🥋 Vielleicht liegt genau hier die moderne Lösung

Heute können Verbände viel transparenter unterscheiden.

Wenn wir jemanden wegen außergewöhnlicher Verdienste um unsere Kampfkunst ehren wollen, können wir das offen sagen:

Honorary Dan

Honorary Membership

Lifetime Achievement Award

Award of Merit

Honorary Master

Damit wird eine Ehrung nicht kleiner.

Sie wird ehrlicher.

Ein Mensch kann für seine Verdienste um Karate außerordentlich wichtig sein, ohne dafür so behandelt werden zu müssen, als hätte er dieselbe technische Prüfungslaufbahn absolviert wie ein jahrzehntelang prüfender und unterrichtender Karateka.

Ehre und technische Graduierung müssen keine Konkurrenten sein.

Man muss sie nur unterscheiden.


❤️ Und jetzt zurück zu Elvis

Wenn wir alle Diskussionen um 7. und 8. Dan einmal beiseiteschieben, bleibt eine Geschichte übrig, die mir wesentlich besser gefällt.

Ein junger Elvis Presley steht Ende der 1950er Jahre in Deutschland.

Er ist bereits ein Weltstar.

Trotzdem zieht er einen Gi an.

Er lässt sich von Jürgen Seydel unterrichten.

Er trainiert mit deutschen Karateka in Bad Homburg.

Er fährt mit seinem Lehrer nach Paris.

Dort stellt er sich wieder als Schüler vor einen japanischen Sensei.

Nach seiner Rückkehr nach Amerika trainiert er weiter.

Er begegnet weiteren Lehrern.

Und Karate begleitet ihn über viele Jahre seines Lebens. Graceland bezeichnet seine Beziehung zur Kampfkunst deshalb selbst als lebenslange Leidenschaft und widmete ihr sogar eine eigene Ausstellung. (Graceland)

Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:

„War Elvis wirklich ein 8. Dan?“

Und zunächst eine andere Frage stellen:

Warum blieb einer der berühmtesten Männer der Welt immer wieder Schüler?

Für mich liegt dort der Budō-Gedanke dieser Geschichte.


🔨 DIE BÄRENSCHMIEDE SAGT:

Ein Gürtel kann verliehen werden.

Eine Urkunde kann unterschrieben werden.

Ein Titel kann auf Papier stehen.

Aber den Weg zwischen zwei Graduierungen kann niemand verschenken.

Dort liegen Training, Schweiß, Zweifel, Fehler, Lehrer und Erfahrungen.

Darum dürfen wir über Graduierungen diskutieren.

Wir dürfen unterschiedliche Maßstäbe haben.

Wir dürfen sogar sagen:

„Nach meinen Maßstäben hätte ich diesen Grad anders bewertet.“

Das ist legitim.

Was wir nicht tun sollten, ist einen Menschen deshalb seiner gesamten Geschichte zu berauben.

Elvis Presley war eine Pop-Ikone.

Er war Schauspieler.

Er war Soldat.

Und er war über viele Jahre auch:

ein Schüler der Kampfkünste.

Vielleicht ist genau das der schönste Titel, den wir ihm geben können.


THE BELT SHOWS A RANK.

THE WAY SHOWS THE PERSON.

Different masters. Different systems. Different standards.

Respect does not require agreement.

🥋 Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede Dōjō
INTERNATIONAL RIN DŌ SHINZEN BUDŌ ASSOCIATION – IRDSBA