
Renshi Mike Stein
Vom rohen Eisen zur lebenden Klinge
Karate-Dō seit 1980 · Rin Dō Shinzen · Bärenschmiede · IRDSBA
Es gibt Lebenswege, die irgendwann beginnen und irgendwann wieder enden. Und es gibt Wege, die mit den Jahren so sehr Teil eines Menschen werden, dass sich kaum noch sagen lässt, wo der Mensch aufhört und der Weg beginnt.
Für Renshi Mike Stein, 6. Dan, ist Karate-Dō ein solcher Weg.
Seit 1980 begleitet ihn die Kampfkunst. Aus den ersten Schritten eines jungen Karateka wurden Jahrzehnte des Trainings, des Lernens, des Reisens, des Zweifelns, des Forschens und schließlich des Lehrens. Doch auch nach mehr als vier Jahrzehnten versteht er sich nicht als jemand, der am Ende seines Weges angekommen ist.
Im Gegenteil.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse seines Lebens lautet heute:
„Ich bin noch immer Schüler.“
Und vielleicht beginnt genau dort die Geschichte der Bärenschmiede.
Der Weg beginnt – 1980
Als Mike Stein 1980 mit Karate-Dō begann, konnte er nicht wissen, welchen Platz diese Kampfkunst einmal in seinem Leben einnehmen würde.
Was zunächst Training war, entwickelte sich mit den Jahren zu einer Lebensschule.
Dōjōs kamen und gingen. Lehrer begleiteten einzelne Abschnitte seines Weges. Techniken veränderten sich. Erkenntnisse, die einmal unumstößlich erschienen, mussten Jahre später neu betrachtet werden.
Mike Stein lernte bei unterschiedlichen deutschen und japanischen Lehrern und entwickelte früh eine Haltung, die ihn bis heute begleitet:
Man muss über den Tellerrand schauen.
Kein einzelner Lehrer besitzt das gesamte Wissen einer Kampfkunst. Kein Stil beantwortet jede Frage. Und kein Dan-Grad bedeutet, dass das Lernen beendet ist.
Mehrere Reisen nach Japan und die aktive Teilnahme an Trainingseinheiten in japanischen Dōjō vertieften diese Überzeugung. Tradition wurde für ihn dadurch nicht zu etwas, das lediglich bewahrt werden muss.
Tradition muss gelebt werden.
Sie muss auf der Tatami funktionieren, im eigenen Körper verstanden und von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Die Dan-Grade – Stationen, nicht das Ziel
Auch seine Graduierungen erzählen diese Geschichte.
1992 legte Mike Stein die Prüfung zum 1. Dan ab. Seine Prüfungskata war Bassai Dai.
Drei Jahre später folgte 1995 der 2. Dan, verbunden mit der Kata Empi.
1999 erreichte er den 3. Dan,
2006 den 4. Dan,
2014 den 5. Dan
und schließlich am 22. Oktober 2021 den 6. Dan.
Heute trägt er den Titel Renshi.
Doch die Zahlen erzählen nur einen kleinen Teil dieser Geschichte.
Vom Beginn seines Karate-Weges 1980 bis zum 6. Dan lagen mehr als vier Jahrzehnte. Zwischen dem ersten schwarzen Gürtel und dem sechsten Dan lagen fast drei Jahrzehnte.
Jeder Grad war eine Station.
Keiner war das Ende.
Daraus entstand eine Überzeugung, die heute zu den Grundgedanken seiner Arbeit gehört:
Der Grad ist eine Station.
Die Erfahrung ist der Weg.
Das Vermächtnis ist das, was bleibt.
Die Bärenschmiede
Irgendwann wurde aus all diesen Erfahrungen eine eigene Philosophie.
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede.
Der Name Bärenschmiede ist bewusst gewählt.
Denn ein Mensch kommt nicht als fertige Klinge in ein Dōjō.
Er kommt mit seinen Fähigkeiten und Schwächen, seinem Charakter, seinem Ego, seinen Ängsten, Hoffnungen und Möglichkeiten.
Wie rohes Eisen.
Eine gute Klinge entsteht ebenfalls nicht durch einen einzigen Hammerschlag.
Sie wird erhitzt.
Geschmiedet.
Gefaltet.
Gehärtet.
Geschliffen.
Poliert.
Und danach beginnt ihre Pflege.
Genau darin sieht Mike Stein eine Parallele zum Budō.
Der Schüler ist das rohe Eisen.
Das Training ist das Feuer.
Der Sensei führt den Hammer.
Die Jahre schleifen die Klinge.
Das Leben poliert sie.
Doch ein entscheidender Gedanke kommt hinzu:
Auch der Sensei bleibt im Feuer.
Ein Lehrer, der selbst nicht mehr trainiert, verliert irgendwann die Verbindung zu dem, was er seinen Schülern abverlangt.
Deshalb gehören für Mike Stein Training und Unterricht untrennbar zusammen.
Er kann von einem Schüler nicht verlangen, härter zu trainieren, wenn er selbst nicht trainiert.
Er kann nicht verlangen, die eigene Technik kritisch zu betrachten, wenn er seine eigene Technik nicht mehr hinterfragt.
Und er kann nicht vom lebenslangen Dō sprechen, wenn er selbst glaubt, aufgrund eines Titels oder Dan-Grades am Ziel angekommen zu sein.
Die Worte seiner Lehrer begleiten ihn deshalb bis heute:
„Mike, du bist da. Karate ist da. Der Weg ist da.“
Nach Jahrzehnten des Trainings haben diese einfachen Worte für ihn eine immer tiefere Bedeutung bekommen.
Karate ist Gegenwart
Pokale erzählen von Erfolgen.
Urkunden dokumentieren Stationen.
Dan-Grade markieren Abschnitte eines Weges.
Doch nichts davon ersetzt das heutige Training.
Für Mike Stein lebt Karate deshalb nicht in einer Vitrine und nicht ausschließlich in Erinnerungen an frühere Zeiten.
Karate lebt im Hier und Jetzt.
Es ist da, wenn eine Kata gelaufen wird.
Es ist da, wenn ein Schüler korrigiert wird.
Es ist da, wenn nach Jahrzehnten eine scheinbar bekannte Bewegung plötzlich neu verstanden wird.
Und manchmal ist es sogar da, wenn auf einer Terrasse eine alltägliche Bewegung zu einer Übung für Stand, Hüfte, Atmung und Körperstruktur wird.
Der Dō ist nicht an vier Wände gebunden.
Wo ernsthaft trainiert wird, kann ein Dōjō entstehen.
Aus dieser Überzeugung entwickelte sich auch Rin Dō Shinzen Bike Work – Spinning-Dō: die Verbindung von Budō-Prinzipien mit Ausdauer, Atmung, Körperwahrnehmung und funktioneller Bewegung.
Der Weg soll Menschen erreichen können – unabhängig davon, ob sie gerade auf einer Tatami, einem Fahrrad, einer Terrasse oder an einem anderen Ort trainieren.
Tetsu no Koshi – die Suche nach dem Warum
Mit zunehmender Erfahrung veränderten sich auch die Fragen.
Als junger Karateka fragt man häufig:
Wie mache ich diese Technik?
Später wird die Frage interessanter:
Warum funktioniert sie?
Aus dieser Suche entwickelte sich einer der zentralen Schwerpunkte der Bärenschmiede: die Erforschung der Karate-Biomechanik und insbesondere Tetsu no Koshi – der „Eisernen Hüfte“.
Dabei geht es nicht darum, die Hüfte isoliert möglichst stark zu drehen.
Der Körper wird als zusammenhängendes System betrachtet.
Die Verbindung beginnt am Boden, führt über Füße und Beine zum Becken, durch Rumpf und Wirbelsäule und schließlich in Schulter, Arm, Hand oder Technik.
Ground → Legs → Hip → Core → Body → Technique.
Stand.
Stabilität.
Rotation.
Atmung.
Hara.
Timing.
Entspannung.
Struktur.
Diese Prinzipien werden in Kihon, Kata, Bunkai, Hojo Undō und Partnerarbeit untersucht.
Nicht Muskel gegen Muskel.
Nicht Arm gegen Arm.
Sondern der ganze Körper als Einheit.
Kata muss leben
Diese Denkweise prägt auch Mike Steins Verständnis von Kata.
Eine Kata ist für ihn weder Tanz noch Museum.
Sie ist ein überliefertes Bewegungsarchiv, dessen Inhalt erst durch ernsthafte Beschäftigung sichtbar wird.
Deshalb endet die Arbeit nicht beim Ablaufen der äußeren Form.
Kata führt zu Bunkai und Oyo, zu Distanz und Timing, Tai Sabaki und Hente Waza, Körperstruktur, Atemarbeit und Partnertraining.
Auch die Beschäftigung mit Kyusho-Jitsu gehört zu dieser Forschung.
Traditionelle Vorstellungen von Meridianen, Ki und Qi werden dabei in ihrem historischen Zusammenhang respektiert und dokumentiert. Gleichzeitig betrachtet Stein praktische Anwendungen aus der Perspektive von Anatomie, Biomechanik und sicherer Partnerarbeit.
Denn für ihn besteht kein Grund, Tradition und moderne Erkenntnisse zu Feinden zu erklären.
Tradition darf Fragen stellen.
Wissenschaft darf Antworten überprüfen.
Training entscheidet, was der Körper versteht.
Wenn der Karateka älter wird
Nach Jahrzehnten des Trainings tritt irgendwann eine Frage in den Vordergrund, über die ein junger Karateka kaum nachdenkt:
Wie lange kann ich das noch tun?
Der Körper mit 50 oder 60 Jahren ist nicht derselbe wie mit 20.
Regeneration verändert sich.
Explosivität verändert sich.
Beweglichkeit muss bewusster erhalten werden.
Doch Mike Stein sieht darin nicht das Ende der Entwicklung.
Vielleicht beginnt hier sogar eine andere Stufe des Budō.
Weniger Ego.
Mehr Verständnis.
Weniger rohe Kraft.
Mehr Ökonomie.
Weniger Beweisen.
Mehr Fühlen.
Der junge Karateka kann Fehler manchmal durch Schnelligkeit und Kraft kompensieren.
Der ältere Budōka muss genauer werden.
Timing wird wichtiger.
Distanz wird wichtiger.
Atmung wird wichtiger.
Hara und Hüfte werden wichtiger.
Entspannung wird wichtiger.
Plötzlich erhalten Dinge, die man Jahrzehnte zuvor schon gehört hat, eine neue Bedeutung.
Das ist kein Niedergang.
Es ist Reife.
Martial Arts & Altersforschung
Aus dieser persönlichen Erfahrung entwickelte sich ein weiteres Arbeitsgebiet: Martial Arts und Altersforschung.
Mike Stein beschäftigt sich mit der Frage, welchen Beitrag lebenslanges Training zu Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Koordination und funktioneller Selbstständigkeit leisten kann.
Ebenso interessieren ihn die Zusammenhänge zwischen Bewegung, kognitiver Leistungsfähigkeit und Neuroplastizität – einschließlich der wissenschaftlichen Forschung zu BDNF, dem Brain-Derived Neurotrophic Factor.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Karate als Wundermittel gegen das Altern darzustellen.
Die Erkenntnis ist wesentlich nüchterner – und vielleicht gerade deshalb bedeutender:
Der Mensch bleibt trainierbar.
Der Körper bleibt anpassungsfähig.
Das Gehirn bleibt lernfähig.
Altern lässt sich nicht verhindern.
Aber wir können beeinflussen, wie wir altern.
Chronist eines sich verändernden Karate
Mike Stein betrachtet Karate nicht nur aus der Perspektive des aktiven Trainings.
Als Autor, Redakteur und Chronist beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte der Kampfkunst, insbesondere mit Entwicklungen und Persönlichkeiten der 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre sowie mit der aktuellen internationalen Budō-Geschichte.
Alte Dokumente, Meisterbiografien, Lehrlinien, Wettkämpfe, technische Entwicklungen und persönliche Erinnerungen werden gesammelt, verglichen und dokumentiert.
Dabei geht es nicht um Nostalgie.
Geschichte soll nicht nur erzählen, wer früher gewonnen hat.
Sie soll erklären, woher wir kommen.
Warum bestimmte Entwicklungen stattgefunden haben.
Was unsere Lehrer weitergegeben haben.
Und was davon eines Tages an die nächste Generation weitergegeben werden sollte.
Denn irgendwann bleibt von jedem Sensei eine entscheidende Frage:
Was lebt von deinem Karate in den Menschen weiter, die nach dir trainieren?
Von der Bärenschmiede zur internationalen Gemeinschaft
Aus diesem Gedanken entwickelte sich schließlich ein weiterer Schritt:
die Gründung der International Rin Dō Shinzen Budō Association – IRDSBA.
Die Organisation soll keine weitere Mauer zwischen Kampfkünsten errichten.
Sie soll eine Brücke sein.
Zwischen Stilen.
Zwischen Generationen.
Zwischen Ländern.
Zwischen Tradition und moderner Trainingswissenschaft.
Zwischen Meistern und Schülern.
Karate-Dō, Kendō, Iaidō, Kyūdō, Kobudō, Jūdō, Aikidō, Jūjutsu, Taekwondo, Kung Fu, Tai Chi, Muay Thai, Brazilian Jiu-Jitsu, Kali, Arnis, Eskrima, Capoeira und andere ernsthaft betriebene Kampfkünste können unterschiedliche Wege sein.
Aber gegenseitiger Respekt kennt keinen Stil.
Die IRDSBA steht deshalb für:
Traditional Arts.
Modern Education.
Healthy Movement.
Martial Arts Research.
International Friendship.
Und für einen Gedanken, der die internationale Arbeit zusammenfasst:
Different Masters. Different Styles. One Spirit.
Frauen und Männer, junge und ältere Budōka, Lehrer und Schüler sowie Menschen unterschiedlicher Nationen sollen sich begegnen, voneinander lernen und Wissen weitergeben können.
Train Together.
Learn Together.
Grow Together.
Die alte Klinge
Mit den Jahren hat sich auch Mike Steins Blick auf seinen alten Obi verändert.
Für jemanden außerhalb des Budō ist er vielleicht nur ein abgenutztes Stück Stoff.
Für seinen Träger erzählt er eine Geschichte.
Schweiß.
Training.
Dōjōs.
Meister.
Schüler.
Reisen.
Fehler.
Verletzungen.
Erfolge.
Freundschaften.
Abschiede.
Neuanfänge.
Ein alter Obi muss nicht mehr glänzen.
Seine Geschichte ist sein Glanz.
Bei der Betrachtung historischer Samurai-Schwerter wurde diese Verbindung für Mike Stein noch deutlicher.
Eine jahrhundertealte japanische Klinge besitzt ihren Wert nicht, obwohl sie alt ist.
Ihre Geschichte ist Teil ihres Wertes.
Sie trägt die Arbeit ihres Schmiedes in sich. Generationen haben sie bewahrt, gepflegt und poliert.
So versteht er auch Budō.
Tradition wird nicht bewahrt, indem man sie unter Glas legt.
Wir bewahren sie, indem wir sie benutzen.
Indem wir trainieren.
Indem wir fragen.
Indem wir forschen.
Indem wir korrigieren.
Indem wir weitergeben.
Noch immer am Amboss
Nach einem Karate-Weg, der 1980 begann, fühlt sich Renshi Mike Stein deshalb nicht wie eine fertige Klinge.
Er steht noch immer am Amboss.
Es gibt Bewegungen, die er besser verstehen möchte.
Techniken, die weiter geschliffen werden können.
Historische Zusammenhänge, die noch erforscht werden müssen.
Schüler, denen Wissen weitergegeben werden kann.
Und Lehrer, von denen weiterhin gelernt werden kann.
Vielleicht liegt gerade darin der Unterschied zwischen einem Dan-Grad und dem Dō.
Ein Dan-Grad kann erreicht werden.
Der Dō nicht.
Deshalb bedeutet Bärenschmiede heute mehr als der Name eines Dōjō.
Sie ist die Geschichte eines lebenslangen Prozesses:
Vom rohen Eisen zur lebenden Klinge.
Und solange Mike Stein morgens seinen Gi anziehen, trainieren, forschen, schreiben und sein Wissen mit anderen Menschen teilen kann, wird weitergeschmiedet.
Denn nach all den Jahren bleibt die wichtigste Erkenntnis erstaunlich einfach:
„Mike, du bist da.
Karate ist da.
Der Weg ist da.“
Renshi Mike Stein · 6. Dan
Karate-Dō seit 1980
Founder & Chief Instructor · Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede
Founder & President · International Rin Dō Shinzen Budō Association – IRDSBA
Vom rohen Eisen zur lebenden Klinge.
THE WAY NEVER ENDS.
Osu.
