
Beobachtung der Trainingsgewohnheiten – Verantwortung und Wahrheit
Wie ich schon früher erzählt habe, war meine Zeit im Uni-Dōjō sehr lehrreich – und zugleich ernüchternd.
Unser Training war grundsätzlich auf Wettkampfkarate ausgerichtet. Vier Wochen vor jeder Meisterschaft begann nahezu immer dasselbe Programm:
Shuri-ashi, Kizami-zuki, Oi-zuki, Gyaku-zuki, Mae-geri, Mawashi-geri, Yori-ashi und Suri-ashi.
Schnelligkeit. Distanz. Timing. Explosivität.
Am Ende jeder Kumite-Einheit liefen wir unsere Pflichtkata meistens noch zweimal durch.
Wir kannten die Abläufe.
Aber wir liefen sie oft mechanisch.
Der Geist der Kata, ihr Inhalt und ihre Anwendung rückten in den Hintergrund. Stattdessen wurde die äußere Form auf Zentimeter korrigiert:
Zwei Zentimeter tiefer.
Fünf Zentimeter nach rechts.
Den Fuß etwas zurück.
Mehr Spannung.
Mehr Kime.
Der Meister erklärte selten das Warum.
Er korrigierte – und wir machten.
Auch die Bunkai, die mir damals vermittelt wurde, hatte für mein Empfinden mit der Dynamik eines realen Angriffs häufig wenig gemeinsam.
Das war das Karate, das ich damals kennenlernte.
Und hier muss ich auch gegenüber mir selbst ehrlich sein:
Es war nicht das Karate, das ich später lehren wollte – und trotzdem habe auch ich es lange mitgemacht und zunächst Teile davon weitergegeben.
Denn wir können unseren Schülern zunächst nur das geben, was wir selbst verstanden haben.
Genau darin liegt für mich heute eine der größten Verantwortungen eines Lehrers.
Der Lehrer kann nur Türen öffnen, die er selbst gefunden hat
Irgendwann begann deshalb meine eigentliche Suche.
Nicht die Suche nach einem höheren Dan.
Nicht nach einer weiteren Urkunde.
Nicht nach einem berühmten Namen für meinen Lebenslauf.
Ich suchte nach einem Meister, der Karate so lebte und unterrichtete, wie ich es tief in mir suchte.
Denn:
Der Schüler sucht den Meister – nicht der Meister den Schüler.
Mit den Jahren verstand ich aber noch etwas anderes:
Nicht jeder hervorragende Karateka ist automatisch ein hervorragender Lehrer.
Ich habe Meister mit einem beeindruckenden technischen Niveau erlebt, die selbst außergewöhnliche Bewegungen ausführen konnten – aber kaum erklären konnten, warum diese Bewegungen funktionieren.
Und genau hier beginnt für mich die Verantwortung des Sensei.
Ein Lehrer, der selbst nur an der Oberfläche geblieben ist, kann seinem Schüler kein tiefes Verständnis vermitteln.
Er kann eine Stellung korrigieren.
Er kann sagen: tiefer, höher, schneller, stärker.
Er kann eine Kata vormachen.
Aber kann er erklären, was im Körper geschieht?
Kann er seinem Schüler vermitteln, wie die Hüfte arbeitet?
Wie Kraft übertragen wird?
Wie Struktur entsteht?
Wie das Hara eingebunden wird?
Wie Atmung und Bewegung miteinander verbunden sind?
Wie Distanz, Timing, Rotation und Gegenrotation zusammenwirken?
Und vor allem:
Kann er dem Schüler zeigen, warum eine Technik funktioniert – und wann sie nicht funktioniert?
Für mich gehört genau das zur Qualität der Lehre.
Technik allein genügt nicht
Ein Schüler sollte nicht sein ganzes Leben lang von seinem Lehrer abhängig bleiben.
Ein guter Lehrer sollte ihm Werkzeuge geben, mit denen er irgendwann selbst forschen kann.
Biomechanik.
Tetsu no Koshi – die bewusste Arbeit und Rotation der Hüfte.
Hara.
Atmung.
Ibuki.
Körperstruktur.
Timing.
Distanz.
Bunkai.
Prinzipien statt bloßer Bewegungsfolgen.
Denn sobald ein Schüler die Prinzipien versteht, beginnt er Karate mit anderen Augen zu sehen.
Plötzlich besteht eine Kata nicht mehr aus zwanzig, dreißig oder vierzig Bewegungen, die man für eine Prüfung auswendig lernt.
Sie wird zu einem Forschungsfeld.
Und genau dort begann für mich ein vollkommen anderes Karate.
Ich musste mein eigenes Karate infrage stellen
Das war nicht immer angenehm.
Denn Weiterentwicklung bedeutet auch, sich einzugestehen:
Was ich gestern für richtig hielt, verstehe ich heute vielleicht anders.
Auch ich musste Techniken neu betrachten.
Auch ich musste Gewohnheiten verändern.
Auch ich musste erkennen, dass manches, was ich jahrelang trainiert oder weitergegeben hatte, nur ein Teil eines wesentlich größeren Ganzen war.
Das ist keine Schwäche.
Für mich ist es eine Voraussetzung dafür, überhaupt Lehrer bleiben zu dürfen.
Denn in dem Moment, in dem ein Lehrer glaubt, nichts mehr lernen zu müssen, beginnt sein Karate stillzustehen.
Ich habe das reine Wettkampfkarate schließlich hinter mir gelassen.
Nicht weil Wettkampfkarate wertlos wäre.
Es hat mir viel gegeben.
Schnelligkeit. Kampfgeist. Timing. Disziplin. Distanzgefühl. Die Fähigkeit, unter Druck zu handeln.
Sportkarate hat seinen Platz. Aber für mich ist es nur ein kleiner Teil des gesamten Karate-Dō.
Gerade in jungen Jahren kann dieser Teil wertvoll sein. In meiner eigenen Erfahrung war besonders die Phase ungefähr zwischen 16 und Ende 20 geprägt von Geschwindigkeit, Reflexen, Explosivität und dem Wunsch, sich mit anderen zu messen.
Aber der Mensch verändert sich.
Und deshalb sollte sich auch sein Karate entwickeln.
Ist das wirklich alles, was wir können?
Wenn ich heute Karateka sehe, die nach dreißig oder vierzig Jahren noch immer fast ausschließlich denselben Kihon trainieren – Kizami-zuki, Gyaku-zuki, Mae-geri, Mawashi-geri – dann respektiere ich ihre Disziplin.
Aber gleichzeitig stelle ich mir eine Frage, die mich schon vor vielen Jahren beschäftigt hat:
Ist das wirklich alles, was wir können?
Schaut in unsere Kata.
Dort liegt ein gewaltiges Feld, das ein Menschenleben kaum vollständig erforschen kann.
Biomechanik.
Hüftarbeit.
Tetsu no Koshi.
Hara.
Atmung.
Ibuki.
Hebel.
Kontrolle.
Gleichgewichtsbruch.
Distanz.
Timing.
Bunkai.
Kraftübertragung.
Natürliche Bewegung.
Und je tiefer ich darin forsche, desto stärker wird eine Erkenntnis:
Ich bin noch immer Schüler.
Nach Jahrzehnten des Trainings vielleicht sogar bewusster als früher.
Als mein Meister irgendwann zu mir sagte:
„Mike, du bist Karate.“
waren diese wenigen Worte für mich bedeutender als jede Graduierung.
Aber sie bedeuteten für mich nicht:
Jetzt hast du es geschafft.
Ganz im Gegenteil.
Sie bedeuteten:
Jetzt trägst du Verantwortung.
Verantwortung für dein eigenes Karate.
Verantwortung dafür, jeden Tag weiterzulernen.
Und Verantwortung für das, was du deinen Schülern weitergibst.
Bewahren bedeutet nicht stehen bleiben
Die alten Meister haben uns das Fundament hinterlassen.
Wir sollten dieses Fundament respektieren und bewahren.
Aber Bewahren bedeutet für mich nicht, dass wir aufhören dürfen zu denken.
Unsere Aufgabe als Nachfolger besteht darin, weiterzuforschen.
Zu prüfen.
Zu trainieren.
Zu hinterfragen.
Zu verstehen.
Und schließlich unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.
Vielleicht werden unsere Schüler eines Tages Dinge erkennen, die wir selbst niemals verstanden haben.
Das wäre kein Verlust der Tradition.
Das wäre ihre Fortsetzung.
Unsere Lebenszeit ist begrenzt.
Deshalb dürfen wir im Budō einen entscheidenden Fehler nicht machen:
stehen bleiben und glauben, wir seien bereits angekommen.
Die Wege sind verschieden.
Jeder Lehrer wird andere Erfahrungen machen. Jeder Schüler wird seinen eigenen Weg finden.
Doch wer sich entscheidet zu lehren, übernimmt Verantwortung.
Nicht nur für seinen Dan.
Nicht nur für seine Technik.
Nicht nur dafür, wie seine Kata aussieht.
Sondern für das Wissen, die Prinzipien und den Geist, die er der nächsten Generation hinterlässt.
Denn der Lehrer zeigt nicht nur den Weg.
Er entscheidet mit darüber, wie weit sein Schüler ihn überhaupt sehen kann.
Und vielleicht besteht unsere größte Aufgabe darin, den Schüler irgendwann so weit zu bringen, dass er seinen Weg selbst weitergehen kann.

Trainieren. Forschen. Verstehen. Weitergeben.
Der Weg endet nie.
OSU!
Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede
Körper • Geist • Seele • Weg
