Der endlose Weg

Kapitel 12

Der endlose Weg

Es gibt Katas, die lernt man.

Und es gibt Katas, die begleiten einen ein Leben lang.

Für mich gehört Bassai Dai zweifellos zur zweiten Kategorie.

Nach mehr als vier Jahrzehnten auf dem Weg des Karate-Dō verspüre ich noch immer dieselbe Neugier wie am ersten Tag. Noch immer stehe ich auf der Tatami und frage mich:

„Was habe ich heute übersehen?“

„Was verbirgt sich hinter dieser Bewegung?“

„Welche Wahrheit liegt noch im Schatten?“

Allein diese Fragen zeigen mir, welche unerschöpfliche Tiefe in dieser Kata verborgen liegt.

Bassai Dai bedeutet wörtlich „Die Festung durchbrechen“. Viele verstehen darunter lediglich das gewaltsame Eindringen in eine feindliche Verteidigung. Doch je länger ich trainiere, desto mehr erkenne ich, dass die eigentliche Festung nicht außerhalb von uns liegt.

Sie befindet sich in unserem eigenen Geist.

Sie besteht aus Gewohnheiten.

Aus Angst.

Aus Selbstzweifeln.

Aus Arroganz.

Aus dem Glauben, bereits alles verstanden zu haben.

Jedes Mal, wenn ich Bassai Dai laufe, habe ich das Gefühl, eine uralte Sprache entschlüsseln zu wollen – eine Sprache, die nicht aus Wörtern besteht, sondern aus Haltung, Atmung, Distanz, Timing und Bewegung.

Sie spricht nicht zu meinen Ohren.

Sie spricht direkt zu meinem Geist.

Und vielleicht noch tiefer – zu meiner Seele.

Auf den ersten Blick wirkt die Kata klar strukturiert.

Fast logisch.

Fast einfach.

Doch hinter jeder Technik verbirgt sich ein neues Universum.

Jede Gewichtsverlagerung.

Jede Hüftrotation.

Jede scheinbar kleine Handbewegung.

Jeder Blick.

Jeder Schritt.

Alles besitzt Bedeutung.

Nichts geschieht zufällig.

Und doch verändert sich diese Bedeutung ständig – weil sich der Mensch verändert, der die Kata übt.

Mit zwanzig Jahren verstand ich Bassai Dai anders als mit dreißig.

Mit vierzig anders als heute.

Nach meinem Aufenthalt in Japan und Okinawa im Jahr 1995 öffneten sich neue Türen.

Nach Begegnungen mit Karate-Meistern, Kendōka, Kyūdōka und Iaidōka entstanden neue Fragen.

Nach jedem Gasshuku.

Nach jedem Seminar.

Nach jeder Trainingseinheit.

Nach jedem Fehler.

Immer wieder zeigte mir Bassai Dai, dass sie längst weiter war als ich.

In der Bärenschmiede sprechen wir davon, dass aus rohem Eisen durch Feuer, Hammer und Geduld eine Klinge entsteht.

Doch auch die beste Klinge ist niemals wirklich fertig.

Sie wird geschliffen.

Poliert.

Überarbeitet.

Neu betrachtet.

Immer wieder.

Genauso verhält es sich mit dem Karateka.

Auch er wird täglich neu gefaltet.

Neu geschmiedet.

Neu geschliffen.

Neu poliert.

Nicht weil er unvollkommen ist.

Sondern weil Wachstum niemals endet.

Vielleicht liegt genau darin die größte Erkenntnis meines gesamten Weges.

Der Sinn des Karate besteht nicht darin, irgendwann anzukommen.

Der Sinn besteht darin, niemals aufzuhören zu gehen.

Bassai Dai ist deshalb für mich weit mehr als eine Aneinanderreihung von Techniken.

Sie ist mein Lehrer.

Mein Spiegel.

Mein Prüfstein.

Mein Gesprächspartner.

Sie widerspricht mir.

Sie fordert mich heraus.

Sie demütigt mich.

Und sie schenkt mir immer wieder jene seltenen Augenblicke, in denen plötzlich eine Bewegung verständlich wird, die ich jahrzehntelang falsch gesehen habe.

Diese Momente sind unbezahlbar.

Sie erinnern mich daran, warum ich 1980 begonnen habe.

Und warum ich auch morgen früh wieder mein altes Gi anziehen werde.

Mit dem ausgefransten schwarzen Obi.

Mit schmerzenden Muskeln.

Mit Respekt.

Mit Dankbarkeit.

Mit derselben kindlichen Neugier wie am ersten Trainingstag.

Denn der Weg endet nicht.

Er verändert nur seine Gestalt.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Essenz von Rin Dō Shinzen.

Der ewige Kreis.

Der Weg der Erinnerung.

Der Weg der Natur.

Der Weg des Geistes.

Ein Kreis kennt keinen Anfang.

Und kein Ende.

Er führt immer wieder zu seinem Ursprung zurück – auf einer höheren Ebene des Verstehens.

Heute glaube ich nicht mehr daran, dass es den einen Moment vollkommener Erkenntnis gibt.

Es gibt nur unzählige kleine Erkenntnisse.

Jede einzelne ist wie ein Hammerschlag auf glühenden Stahl.

Jeder Schlag formt den Menschen ein wenig weiter.

Und irgendwann erkennt man:

Der wahre Meister sucht nicht nach dem Ende des Weges.

Er liebt den Weg selbst.

Du bist da.

Bassai Dai ist da.

Budō ist da.

Der Weg ist da.

OSU

Renshi Mike Stein