Der Heilige Gral des Karate

Der Heilige Gral des Karate

Wenn mich heute jemand fragt, was nach über vierzig Jahren Training meine größte Erkenntnis ist, dann antworte ich nicht mit einem Dan-Grad, einer Medaille oder einer bestimmten Kata.

Ich antworte:

Der Heilige Gral des Karate ist das Verstehen.

Für mich persönlich ist dieser Heilige Gral keine geheimnisvolle Schriftrolle und keine verborgene Technik, die nur wenigen Auserwählten zugänglich wäre.

Er ist meine persönliche Begegnung mit dem Karate.

Meine Essenz.

Meine Lehre.

Meine Beobachtungen.

Meine Erfahrungen.

Meine Vision.

Mein Karate.

Jahrzehntelang bin ich den Wegen anderer Meister gefolgt. Ich habe ihre Bewegungen studiert, ihre Korrekturen angenommen und versucht, ihre Gedanken zu verstehen.

Doch irgendwann begriff ich etwas Entscheidendes:

Die alten Meister wollten keine Kopien von sich selbst erschaffen.

Sie wollten Menschen hervorbringen, die den Mut besitzen, den Weg eigenständig weiterzugehen.

Das bedeutet nicht, die Tradition zu verlassen.

Es bedeutet, sie so tief zu verstehen, dass sie in dir weiterlebt.

Ich laufe heute dieselbe Bassai Dai wie vor Jahrzehnten.

Und doch ist sie nicht mehr dieselbe.

Denn ich bin nicht mehr derselbe Mensch.

Mit jedem Training, jeder Reise, jeder Begegnung und jeder Erfahrung verändert sich mein Blick auf die Kata.

Sie wächst mit mir.

Und ich wachse mit ihr.

Vielleicht liegt genau darin das größte Geheimnis des Budō.

Der Weg wird niemals abgeschlossen sein.

Der Heilige Gral liegt nicht am Ende des Weges.

Er ist der Weg selbst.

Und genau deshalb suche ich bis heute weiter.

Nicht nach einem neuen Stil.

Nicht nach einem neuen Meister.

Sondern nach einem tieferen Verständnis dessen, was Karate wirklich ist.

Denn am Ende bleibt nur eine einzige Frage:

Hast du dein eigenes Karate gefunden?

OSU

Renshi Mike Stein