Die Rückkehr – Wissen verpflichtet
Nach jeder Reise nach Japan und nach jeder bestandenen Dan-Prüfung begleitete mich auf dem Heimflug immer derselbe Gedanke.
Es war nicht die Freude über den neuen Gürtel.
Es war nicht die bestandene Prüfung.
Und es war auch nicht der Stolz über die Anerkennung durch die japanischen Meister.
Es war vielmehr die Angst.
Die Angst, all das wieder zu verlieren.
Die Angst, die Menschen zurückzulassen, die mich in wenigen Wochen so tief geprägt hatten.
Mit jedem Abschied am Flughafen hatte ich das Gefühl, einen Teil meines Herzens in Japan zurückzulassen.
Doch während ich mich auf Training, Kata und Kumite konzentrierte, veränderte sich die Karatewelt unaufhaltsam.
Viele bedeutende Instruktoren gingen in den 1980er- und 1990er-Jahren eigene Wege. Meister wie Hirokazu Kanazawa, Hiroshi Shirai oder Taiji Kase bauten außerhalb Japans neue Strukturen auf. Sensei Hideo Ochi blieb der Tradition der JKA und später des DJKB eng verbunden und wurde in Deutschland zu einer wichtigen Brücke zwischen Japan und Europa.
Im Hintergrund standen organisatorische Fragen über Dan-Registrierungen, Lizenzen und Verbandsstrukturen. Gleichzeitig entstand in Europa eine neue Generation hochqualifizierter Lehrer, die das traditionelle Karate mit eigenen Erfahrungen bereicherten und weiterentwickelten.
Zu den Persönlichkeiten, die meinen Weg besonders beeinflusst haben, gehört Shihan Giuseppe Beghetto.
Im Jahr 1998 legte ich bei ihm meine Prüfung zum 3. Dan ab – zum ersten Mal außerhalb Japans.
Die Vorbereitung war intensiv.
Täglich trainierte ich zusätzlich Kihon, Kumite und vor allem meine Lieblingskata Nijūshiho. Ich zerlegte sie bis in kleinste Details, analysierte ihre Bunkai und suchte nach dem tieferen Sinn jeder einzelnen Bewegung.
Gerade durch den Einfluss von Shihan Hiroshi Shirai erhielt diese Kata für mich eine völlig neue Dimension.
Er betrachtete Nijūshiho nicht als bloße Form, sondern als ein lebendiges Nahkampfsystem voller Hebel, Kontrolltechniken, Würfe und feinster Körpermechanik. Sein Verständnis von Rhythmus, Distanz und Timing öffnete mir die Augen für eine Ebene des Karate, die ich bis dahin nur erahnt hatte.
Später durfte ich an einem kleinen und exklusiven Lehrgang mit Meister Shirai teilnehmen.
Trainiert wurde die Kata Gankaku.
Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters wurde er von Sensei Marc Stevens begleitet, einem seiner engsten und langjährigsten Schüler.
Schon nach wenigen Minuten fiel mir auf, wie außergewöhnlich die Zusammenarbeit der beiden war. Marc Stevens schien viele Gedanken seines Lehrers bereits zu kennen, bevor sie ausgesprochen wurden. Die Kommunikation verlief nahezu wortlos – getragen von jahrzehntelangem gemeinsamen Training und gegenseitigem Vertrauen.
Besonders beeindruckten mich die Erklärungen zu den Einbein-Techniken der Gankaku. Shirai verstand sie nicht als reine Balanceübungen, sondern als funktionierende Anwendungen für Hebel, Kontrolle und Wurftechniken. Seine Ausführungen über Atmung, Kime und innere Körpermechanik haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Mit den Jahren wurde mir jedoch auch eine andere Entwicklung bewusst.
Die Teilnahme an großen Lehrgängen renommierter Meister wurde für viele Vereine und Karateka zunehmend zu einer finanziellen Herausforderung. Neben den Honoraren kamen häufig Reise- und Übernachtungskosten, Prüfungsgebühren und Registrierungen hinzu.
Ich begann mich zu fragen, ob Wissen wirklich von den finanziellen Möglichkeiten eines Menschen abhängig sein sollte.
Nach einer meiner Reisen suchte ich das Gespräch mit meinem deutschen Meister.
Ich erzählte ihm von Japan, Okinawa, Beghetto, Shirai und den vielen neuen Eindrücken.
Er hörte geduldig zu und sagte schließlich nur einen einzigen Satz:
„Mike, du hast jetzt neues Wissen erworben. Jetzt musst du selbst Training geben und uns alle daran teilhaben lassen. Du darfst die Rosinen nicht für dich behalten.“
Dieser Satz begleitet mich bis heute.
In diesem Augenblick wurde mir klar, dass das größte Geschenk meiner Reisen nicht die Dan-Urkunden waren.
Es waren die Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen.
Und die Verantwortung, das Erlernte lebendig weiterzugeben.
Also begann ich zu unterrichten.
Nicht jeder konnte nach Japan reisen.
Nicht jeder konnte an exklusiven Seminaren teilnehmen.
Aber jeder sollte die Möglichkeit erhalten, von diesen Erfahrungen zu profitieren.
Denn Wissen wird nicht kleiner, wenn man es teilt.
Es wird größer.
Mit den Jahren entwickelte sich daraus meine eigene Haltung.
Der Kreis Rin Dō Shinzen ist stets seinen eigenen Weg gegangen.
Je stärker das Karate politisiert wurde, desto häufiger stellte ich mir nach jeder bestandenen Dan-Prüfung dieselbe Frage:
„War das meine letzte Prüfung?“
Heute weiß ich:
Meine eigentliche Prüfung beginnt jeden Morgen neu, wenn ich das Dōjō betrete.
Prüfungen zeigen nur einen einzigen Augenblick.
Man kann hervorragend vorbereitet sein und dennoch einen schlechten Tag erwischen.
Oft absolvieren wir sie nicht für uns selbst, sondern für die Strukturen der Verbände.
Ich sehe in vielen Dōjōs Wände voller Urkunden.
Dann frage ich manchmal:
„Wann hast du zuletzt wirklich trainiert?“
Die Antworten ähneln sich oft.
„Die Hüfte macht nicht mehr mit.“
„Das Knie spielt nicht mehr mit.“
„Die Zeit fehlt.“
In solchen Momenten wird mir bewusst, dass eine Urkunde allein keinen Karateka ausmacht.
Ein Dan-Grad ist Papier.
Ein Titel ist Papier.
Entscheidend ist nur, ob der Geist noch lebt.
Ich bin nicht meine Urkunde.
Ich bin Karate.
Und immer wieder höre ich die Stimme meines Meisters:

„Mike, du musst die Prüfung machen. Diesmal nicht nur für dich, sondern für deine Schüler. Sie sollen sehen, dass ihr Meister sich weiterentwickelt. Dein Training und deine Einstellung sollen mit der nächsten Dan-Prüfung belohnt werden.“
Erst viele Jahre später verstand ich die ganze Tiefe dieser Worte.
Der Ursprung der Rin Dō Shinzen Bärenschmiede liegt nicht in einem neuen Stil.
Nicht in einer Organisation.
Nicht in einer Urkunde.
Er liegt in der Verpflichtung, das weiterzugeben, was mir selbst anvertraut wurde.
Das Eisen wird weiter geschmiedet.
Manchmal in Japan.
Manchmal in Italien.
Manchmal in Polen.
Und manchmal in unserem stillen Hombu Dōjō am Rhein.
Der Ort ist dabei nicht entscheidend.
Entscheidend ist die Aufrichtigkeit des Herzens.
Mit diesem Kapitel endet meine Reise durch die Dan-Prüfungen.
Was bleibt, sind keine Gürtel und keine Urkunden.
Was bleibt, ist Verantwortung.
Mit diesem Bewusstsein kehre ich zurück.
Zurück auf die Tatami.
Zurück in das Hombu Dōjō der Rin Dō Shinzen Bärenschmiede.
Dorthin, wo jeden Tag aufs Neue geschmiedet wird.
OSU!
Renshi Mike Stein
