Die Wurzeln bleiben, der Weg wächst weiter

🌲 Guten Morgen – Die Wurzeln bleiben, der Weg wächst weiter

Guten Morgen, liebe Weggefährten und Freunde,

heute, am 27. August, möchte ich euch nicht einfach nur einen Guten-Morgen-Gruß senden. Ich möchte mit euch einen Gedanken teilen, der für mich sehr viel mit dem Wesen unseres Karate-Dō zu tun hat: den Baum als Sinnbild unseres Weges.

Ein Baum wächst nicht, weil jeder Tag leicht ist. Er wächst, weil er Jahreszeiten übersteht.

Seine Wurzeln stehen für unsere Herkunft: für unsere Lehrer, unsere Geschichte, unsere Kata und die Prinzipien, die uns überliefert wurden.

Der Stamm ist unser eigener Weg. Jahr für Jahr wird er stärker. Nicht, weil er niemals verletzt wird, sondern weil er Stürme, Hitze, Kälte und Veränderungen übersteht.

Und seine Äste erinnern mich an unsere Techniken, unser Bunkai und unsere persönlichen Fähigkeiten. Manche wachsen kräftig, andere verändern ihre Richtung. Manche brechen im Sturm.

Auch wir erleben solche Zeiten.

Wir werden verletzt. Wir zweifeln. Techniken, von denen wir einmal überzeugt waren, betrachten wir Jahre später mit anderen Augen. Unser Körper verändert sich, unsere Möglichkeiten verändern sich – und damit verändert sich auch unser Karate.

Doch ein gebrochener Ast bedeutet nicht das Ende des Baumes.

Neue Triebe entstehen. Neue Blätter wachsen. Neue Wege öffnen sich.

Vielleicht liegt genau darin eine der großen Lektionen des Budō: Tradition bedeutet nicht, einen Baum einzufrieren. Tradition bedeutet, seine Wurzeln zu bewahren und ihn trotzdem wachsen zu lassen.

🌲 Kansha no Matsu – die Kiefer der Dankbarkeit

Dieser Gedanke führt heute nach Okinawa.

Im Sueyoshi-Park in Shuri, Naha, befindet sich ein besonderer Erinnerungsort an Gichin Funakoshi und seinen Sohn Gigō (Yoshitaka) Funakoshi.

Am 27. August 1998, also heute vor 28 Jahren, wurde dort durch die Nihon Karate-dō Shōtōkai der Kansha no Matsu – 感謝の松, die Kiefer der Dankbarkeit, anlässlich des 130. Geburtsjahres Gichin Funakoshis gepflanzt.

Später kam der Homare no Matsu – 誉の松, die Kiefer der Ehre, zur Erinnerung an Gigō Funakoshi hinzu.

Und gerade dieser Ort trägt eine besondere Symbolkraft.

Der Name Shōtō – 松濤, unter dem Funakoshi seine Dichtungen schrieb, wird gewöhnlich mit dem Bild der Pinienwogen beziehungsweise des Rauschens der Kiefern verbunden.

Wenn wir heute von Shōtōkan sprechen, begegnet uns damit nicht nur der Name eines Karate-Stils. Dahinter steht auch dieses Bild der Natur: Wind bewegt die Kiefern – die Bäume geben nach, richten sich wieder auf und bleiben doch fest verwurzelt.

Auch die beiden Gedenkbäume erzählen inzwischen ihre eigene Geschichte.

Der Kansha no Matsu blieb erhalten. Der Homare no Matsu überstand die vergangenen Jahre nicht und musste nach seinem Absterben entfernt werden.

Aber ist nicht gerade das eine sehr ehrliche Budō-Lektion?

Nichts Materielles bleibt für immer.

Nicht der Baum.
Nicht unser Körper.
Nicht unsere Kraft.
Nicht einmal unsere eigene Zeit auf der Tatami.

Was bleiben kann, ist das, was wir weitergeben.

Ein Lehrer pflanzt etwas, dessen Schatten vielleicht erst eine spätere Generation genießen wird.

Und deshalb bedeutet Kansha – Dankbarkeit für mich heute mehr als der Name einer Gedenkkiefer.

Es bedeutet Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die vor uns den Weg gegangen sind. Gegenüber unseren Lehrern. Gegenüber unseren Schülern. Gegenüber denjenigen, die eines Tages weitergehen werden, wenn wir selbst nicht mehr auf der Tatami stehen.

❄️ Winter und Frühling 🌸

Jeder lange Weg kennt seinen Winter.

Es gibt Zeiten, in denen scheinbar nichts wächst. Zeiten der Verletzung, des Zweifels, des Alters, des Abschieds oder der Veränderung.

Doch unter der Oberfläche leben die Wurzeln weiter.

Und irgendwann kommt der Frühling.

Nicht derselbe Frühling wie im vergangenen Jahr.

Ein neuer Frühling.

Genau so empfinde ich Karate nach vielen Jahren des Trainings. Wir kehren zu derselben Kata zurück – aber wir sind nicht mehr derselbe Mensch, der sie vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren ausgeführt hat.

Deshalb kann auch dieselbe Kata plötzlich etwas Neues lehren.

Unsere Wurzeln bleiben.

Unser Stamm wird älter.

Unsere Äste verändern sich.

Neue Blätter entstehen.

Und irgendwann geben wir Samen weiter, aus denen andere Bäume wachsen.

Das ist für mich Karate-Dō.

Heute, am 27. August, verneige ich mich deshalb symbolisch vor dem Kansha no Matsu, vor Gichin Funakoshi und Gigō Funakoshi – aber ebenso vor all unseren Lehrern und Weggefährten, die etwas gepflanzt haben, das in uns weiterwächst.

Bewahren wir unsere Wurzeln.

Haben wir keine Angst vor dem Winter.

Und begrüßen wir jeden neuen Frühling unseres Karate mit offenem Geist.

Denn der Baum wächst weiter.
Und der Weg endet nie.

THE WAY NEVER ENDS.

Osu! 🥋🌲

Renshi Mike Stein – 6. Dan
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede Dōjō
INTERNATIONAL RIN DŌ SHINZEN BUDŌ ASSOCIATION – IRDSBA