Die lange Suche nach dem richtigen Schmied
Wenn ich auf die letzten 46 Jahre als Schüler, Karateka und Lehrer zurückblicke, spüre ich einen tiefen Kontrast.
Als ich in den 1980er-Jahren selbst Schüler war, waren die Kurse voll. Es gab kein TikTok, keine Smartphones und nur wenige Fernsehprogramme. Nach der Schule ging es direkt auf den Fußballplatz oder in die Schulturnhalle, wo um 16 Uhr das Training begann.
Diese alten Turnhallen wurden zu meinem zweiten Zuhause – meinem Dōjō. Dort fühlte ich mich frei. Dort begann der Karate-Geist, mein Leben zu prägen.
Es gab kein Soft-Karate.
Keine dicken Matten.
Keine Handschuhe.
Keine Schutzausrüstung.
Und trotzdem blieben die Menschen.
Karate war kein Hobby.
Es war eine Lebenseinstellung.
In den freien Stunden schauten wir Samurai-Filme mit Toshiro Mifune. Unser Wissen stammte aus schlecht kopierten Büchern und von den wenigen Meistern, die bereit waren, ihr Wissen weiterzugeben.
Ich wartete damals auf jedes Training wie auf ein großes Fest.
Wir trainierten auch dann, wenn wir krank waren, verletzt oder unter Stress standen. Schule, Arbeit oder schlechtes Wetter hielten uns nicht auf. Wir wollten lernen. Wir wollten wachsen.
Schon damals war ich diszipliniert und voller Leidenschaft.
Mein Bärenschmiede-Herz war noch ein rohes Stück Stahl.
Ein Rohling, der geschmiedet werden wollte.
Ein Schwert, das eines Tages die Schärfe und den Charakter eines Katanas besitzen sollte.
Dann begann die wohl wichtigste Reise meines Lebens:
Die Suche nach dem richtigen Schmied.
Nach dem Meister, der mir Form geben konnte.
Nach dem Lehrer, der mich forderte.
Nach dem Menschen, der nicht nur Techniken vermittelte, sondern Charakter formte.
Heute, viele Jahrzehnte später, verstehe ich etwas, das ich als junger Karateka noch nicht erkennen konnte.
Der wahre Schmied war nie nur ein einzelner Mensch.

Es war der Weg selbst.
Jeder Meister.
Jeder Schüler.
Jede Niederlage.
Jeder Erfolg.
Jede Verletzung.
Jeder stille Morgen im Dōjō.
All diese Erfahrungen haben den Stahl geformt.
Und eines habe ich auf diesem Weg gelernt:
Ein Schwert ist niemals wirklich fertig geschmiedet.
Auch nach 46 Jahren lerne ich noch.
Auch heute verändert mich jeder Unterricht, jeder Schüler und jede Begegnung.
Denn das Schmieden endet nie.
OSU!
Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede
Ich mag besonders den Schluss:
„Ein Schwert ist niemals wirklich fertig geschmiedet. Auch nach 46 Jahren lerne ich noch.“
Das fasst deine Philosophie der Bärenschmiede sehr gut zusammen. Es wirkt bescheiden und gleichzeitig kraftvoll – nicht, weil du behauptest, angekommen zu sein, sondern weil du zeigst, dass der Weg selbst das eigentliche Ziel ist.
