Kapitel 7
Rin Dō Shinzen – Der ewige Kreis
Ich wurde am Fischtorplatz in Mainz geboren – zwischen dem alten Fischtor, dem Weintor und dem Eisentor. Ein Ort, an dem Geschichte bis heute spürbar ist. Nur wenige Schritte entfernt befindet sich das Museum für Antike Schifffahrt, in dem die Überreste römischer Kriegsschiffe der Classis Germanica ausgestellt sind.
Schon vor fast zweitausend Jahren war der Rhein eine der bedeutendsten Verkehrs- und Lebensadern Europas. Die römische Rheinflotte patrouillierte auf seinem Wasser, sicherte die Grenze des Imperiums und transportierte Soldaten, Händler und Versorgungsgüter. Die in Mainz entdeckten Schiffe – sogenannte Navis Lusoriae – waren flach gebaute Patrouillenboote, die mit bis zu 32 Rudern bewegt wurden und zu den beeindruckendsten Zeugnissen römischer Ingenieurskunst gehören.
Vielleicht begann mein Weg zum Budō bereits hier, ohne dass ich es damals wusste.
Zwischen Wasser und Eisen.
Zwischen Geschichte und Gegenwart.
Zwischen Handwerk und Geist.
Während am Rhein die Römer ihre Schiffe bauten und das Feuer der Schmieden brannte, entwickelte sich auf der anderen Seite der Welt eine völlig andere Kultur. Jahrhunderte später entstanden in Japan die großen Traditionen des Budō und die legendären Schwerter der Samurai.
Im Jahr 2008 – dem Jahr der Ratte – stieg ich genau an diesem historischen Ort auf mein Mountainbike.
Von Mainz-Zollhafen bei Rheinkilometer 500 fuhr ich rund einhundert Kilometer stromaufwärts bis nach Speyer, vorbei an Burgen, Weinbergen und den endlosen Schleifen des Vaters Rhein.
Es war keine Wettkampftour.
Es war eine Reise.
Eine Reise zu den eigenen Wurzeln.
Während ich gegen den Strom trat, flossen Millionen Liter Wasser an mir vorbei – dieselben Wassermassen, die einst römische Kriegsschiffe getragen hatten und seit Jahrhunderten unaufhörlich ihren Weg zur Nordsee finden.
Mein Ziel war das Historische Museum der Pfalz in Speyer.
Dort zeigte das Museum im Jahr 2008 die große Sonderausstellung „Samurai“, die erste Ausstellung dieser Art in Deutschland. Zwischen prachtvollen Yoroi-Rüstungen und kunstvoll gefertigten Waffen blieb ich schließlich vor einer Katana aus dem 17. Jahrhundert stehen.
Fast vierhundert Jahre alt.
Und doch von einer beeindruckenden Lebendigkeit.
Sie stammte aus der Edo-Zeit – einer Epoche relativen Friedens unter der Herrschaft der Tokugawa-Shōgune. Das Schwert war längst mehr als eine Waffe geworden. Es war Ausdruck höchster Schmiedekunst, Symbol für Charakter, Disziplin und die Seele seines Erschaffers.
Je länger ich die Klinge betrachtete, desto klarer wurde mir:
Ein Meister schmiedet nicht nur Stahl.
Er schmiedet Zeit.
Er hinterlässt etwas, das ihn überdauern kann.
In diesem Moment verbanden sich für mich drei Geschichten zu einer einzigen.
Die Geschichte meiner Heimat am Rhein.
Die Geschichte meines eigenen Weges im Budō.
Und die Geschichte jener japanischen Meisterschmiede, die ihre Seele mit Feuer, Hammer und unendlicher Geduld in den Stahl legten.
Da verstand ich die eigentliche Bedeutung der Bärenschmiede.
Nicht jede Klinge wird vollkommen.
Nicht jeder Versuch gelingt.
Manchmal entstehen Risse.
Manchmal muss der Stahl erneut erhitzt, gefaltet und von vorne geschmiedet werden.
Doch genau darin liegt der Weg.
Nicht im perfekten Ergebnis.
Sondern in der Bereitschaft, immer wieder neu zu beginnen.
Heute, nach mehr als 46 Jahren auf dem Weg des Budō, erkenne ich:
Alles ist Rin Dō Shinzen.
Der Weg der Erinnerung.
Der Weg der Wahrheit.
Der Weg der Natur.
Ein ewiger Kreis.
Wie der Rhein unaufhörlich fließt.
Wie der Schmied den Stahl immer wieder faltet.
Wie der Karateka jeden Morgen erneut den Gi anzieht.
Wie der Kyūdōka den Bogen spannt.
Wie der Kendōka das Shinai erhebt.
Der Kreis endet nie.
Er beginnt mit jedem Sonnenaufgang von Neuem.

Du bist da.
Der Weg ist da.
Rin Dō Shinzen.
OSU
Renshi Mike Stein
