Titel, Grade und der Weg – was bleibt am Ende?

Titel, Grade und der Weg – was bleibt am Ende?

In den japanischen Kampfkünsten gibt es neben dem heute allgemein bekannten Dan-System noch eine andere Form der Anerkennung: die klassischen Budō-Ehrentitel wie Renshi (錬士), Kyōshi (教士), Hanshi (範士) und in manchen Traditionen Meijin (名人).

Sie sollen nicht einfach einen weiteren Grad darstellen. Sie stehen für Erfahrung, technisches Können, Wissen, Charakter und eine über viele Jahre gewachsene Reife im Budō.

Und trotzdem beschäftigt mich dieses Thema.

Ich selbst trage den 6. Dan und wurde mit dem Titel Renshi ausgezeichnet. Natürlich respektiere ich diese Anerkennung und auch die Tradition, aus der solche Titel entstanden sind.

Aber nach inzwischen 46 Jahren Karate frage ich mich immer häufiger:

Wie wichtig ist ein Titel wirklich für meinen Weg?

Je länger ich trainiere, desto weniger bedeuten mir die Worte, die vor oder hinter meinem Namen stehen.

Denn sobald ich meinen Gi anziehe und das Dōjō betrete, spielt es keine Rolle, ob dort Renshi, Sensei oder 6. Dan steht.

Die Tatami kennt keinen Titel.

Die Makiwara kennt keinen Titel.

Die Kata fragt nicht nach meiner Urkunde.

Und mein eigener Körper zeigt mir jeden Tag sehr deutlich, was ich verstanden habe – und was noch nicht.

Vielleicht bin ich deshalb manchmal nachdenklich, wenn Titel zu stark in den Vordergrund gestellt werden. Wenn aus einer Anerkennung eine Hierarchie entsteht und irgendwann wichtiger erscheint, wer über wem steht, als die Frage, was jemand tatsächlich kann, versteht und weiterzugeben vermag.

Dann erinnert mich mein eigenes Dōjō-Kun daran:

Bleib bescheiden.
Demut ist deine Stärke.

Auch das Wort Osu beschäftigt mich in diesem Zusammenhang. Seine Geschichte und seine Verwendung im japanischen Karate sind komplex. In bestimmten japanischen Universitäts- und Karatekreisen war der Umgang früher deutlich hierarchischer und härter geprägt als das Budō-Verständnis, das ich heute für mich lebe.

Mein heutiges OSU bedeutet für mich deshalb keine Unterwerfung.

Es bedeutet Respekt.

Durchhalten.

Geduld.

Bereitschaft zu lernen.

Und vor allem: weiterzugehen.

Nach all diesen Jahren höre ich noch immer die Stimme meines Meisters:

„Mike, du bist Karate.“

Dieser Satz bedeutet mir heute mehr als jeder Titel.

Denn ich trainiere nicht für einen Dan.

Ich trainiere nicht für Diplome.

Nicht für Urkunden.

Nicht für Pokale oder Medaillen.

Und auch nicht dafür, dass möglichst viele Titel vor meinem Namen stehen.

Ich trainiere, weil mich der Weg noch immer ruft.

Ich möchte als Lehrer nicht durch eine Wand voller Urkunden beeindrucken.

Ich möchte, dass ein Schüler etwas spürt, wenn wir gemeinsam trainieren.

Dass er eine Bewegung plötzlich versteht.

Dass er erkennt, warum die Hüfte sich so bewegt.

Warum die Kraft aus dem Hara entsteht.

Warum Atmung, Körperstruktur, Timing und Geist miteinander verbunden sind.

Wenn ein Schüler nach vielen Jahren sagt:

„Jetzt verstehe ich.“

Dann ist das für mich eine größere Auszeichnung als ein weiterer Titel.

Vielleicht hat sich deshalb auch mein Blick auf andere Budōka verändert.

Ich versuche heute weniger darauf zu achten, welcher Dan auf einer Urkunde steht oder welcher Titel vor einem Namen erscheint.

Ich schaue auf den Menschen.

Auf seine Technik.

Auf sein Wissen.

Auf die Art, wie er seine Schüler behandelt.

Auf seine Bereitschaft, selbst noch zu lernen.

Und auf das, was übrig bleibt, wenn man Gürtel, Titel und Urkunden einmal wegnimmt.

Denn ein hoher Grad kann Erfahrung würdigen.

Ein Titel kann Anerkennung ausdrücken.

Aber weder Titel noch Dan können einen Menschen automatisch zu einem Meister machen.

Das zeigt sich auf der Tatami.
Im Charakter.
Im Wissen.
Im täglichen Training.
Und darin, was wir der nächsten Generation hinterlassen.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Veränderungen meines eigenen Weges:

Früher dachte ich darüber nach, welchen Grad ich irgendwann erreichen könnte.

Heute denke ich darüber nach, wie viel Zeit mir noch bleibt, um zu lernen und etwas Sinnvolles weiterzugeben.

Am Ende möchte ich nicht dafür in Erinnerung bleiben, welcher Titel vor meinem Namen stand.

Ich möchte dafür in Erinnerung bleiben, was ich meinen Schülern gegeben habe.

Der Gürtel wird alt.

Urkunden vergilben.

Titel bleiben irgendwann auf Papier zurück.

Aber das, was wir einem Menschen wirklich beigebracht haben, kann in ihm weiterleben.

Das ist für mich Karate-Dō.

Bleib Schüler.
Bleib bescheiden.
Trainiere.
Verstehe.
Gib weiter.

OSU!
Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede

Der Weg endet nie.