Ohne Vorbilder verliert der Weg seine Richtung

Ohne Vorbilder verliert der Weg seine Richtung

Für mich waren Vorbilder, Mentoren und große Lehrer auf meinem Weg immer von entscheidender Bedeutung.

Denn es gibt einen gefährlichen Moment im Leben eines Lehrers:

Den Moment, in dem er glaubt, niemanden mehr zu brauchen.

Wenn ich niemanden mehr habe, zu dem ich aufschauen kann, wenn ich glaube, mein eigenes Wissen reiche aus und ich müsse von niemandem mehr lernen, dann geschieht etwas Entscheidendes:

Ich höre auf zu suchen.

Und wenn ein Lehrer aufhört zu suchen, beginnt irgendwann auch sein Karate stehen zu bleiben.

Ich brauche bis heute Menschen, deren Können, Wissen, Erfahrung oder Haltung mir zeigen:

Da ist noch etwas.
Da kann ich noch hin.
Da gibt es etwas, das ich noch nicht verstanden habe.

Nach Jahrzehnten des Karate empfinde ich das nicht als Schwäche.

Im Gegenteil.

Es hält meinen Weg lebendig.

Meine Lehrer und Vorbilder haben mir niemals eine fertige Straße gegeben, die ich nur nachlaufen musste. Sie haben mir etwas viel Wertvolleres gegeben:

ein Fundament.

Auf diesem Fundament konnte ich suchen, ausprobieren, hinterfragen, forschen und schließlich mein eigenes Karate entwickeln.

Aber ein eigener Weg bedeutet nicht, ohne Richtung zu gehen.

Gerade ein Lehrer muss irgendwann wissen:

Was ist mein Karate?
Wofür steht mein Dōjō?
Welche Werte möchte ich weitergeben?
Welche Prinzipien tragen meine Lehre?
Wo liegen meine Wurzeln?
Und was sollen meine Schüler nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren von mir mitgenommen haben?

Wenn ich darauf keine Antwort habe, entsteht Beliebigkeit.

Dann mache ich heute Wettkampfkarate, morgen Selbstverteidigung, übermorgen Fitness, danach etwas Kobudō, ein wenig Kickboxen und anschließend das, was gerade modern geworden ist.

Von allem ein bisschen.

Und irgendwann vielleicht:

alles und nichts.

Natürlich müssen wir über den Tellerrand schauen.

Wir müssen lernen, vergleichen, forschen und uns weiterentwickeln. Auch mein eigenes Karate wurde über Jahrzehnte von unterschiedlichen Lehrern, Erfahrungen und Kampfkünsten geprägt.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen

Offenheit und Orientierungslosigkeit.

Ein Baum kann seine Äste in viele Richtungen ausstrecken.

Aber ohne starke Wurzeln fällt er beim ersten Sturm.

So sehe ich auch Karate-Dō.

Ich muss wissen, woher ich komme.

Ich muss wissen, welches Fundament mich trägt.

Und wenn ich Lehrer bin, muss ich wissen, wohin ich diejenigen führen möchte, die mir vertrauen.

Wenn das Ego größer wird als das Dō

Vielleicht beginnt hier eine der größten Gefahren im Leben eines Lehrers.

Irgendwann stehen Menschen vor ihm.

Sie verbeugen sich.

Sie nennen ihn Sensei.

Vielleicht trägt er einen hohen Dan-Grad. Vielleicht besitzt er ein eigenes Dōjō. Vielleicht hängen Urkunden an der Wand. Vielleicht hören ihm Hunderte Menschen zu.

Und irgendwann beginnt eine leise Stimme zu sagen:

„Ich weiß genug.“

Genau in diesem Augenblick sollte ein Lehrer besonders wachsam werden.

Denn wenn ich niemanden mehr über mir akzeptieren kann, wenn ich keine Vorbilder mehr brauche, keine Korrektur mehr zulasse und Kritik nur noch als Angriff auf meine Position empfinde, dann wächst möglicherweise nicht mehr mein Karate.

Dann wächst nur noch mein Ego.

Und irgendwann wird das Ego größer als das Dō.

Für mich bedeutet Meisterschaft deshalb niemals:

„Jetzt weiß ich alles.“

Meisterschaft bedeutet für mich, nach Jahrzehnten noch sagen zu können:

Ich bin Schüler.
Ich suche weiter.
Ich lerne weiter.
Ich trainiere weiter.
Ich poliere weiter.

Meine Vorbilder sind für mich deshalb keine Menschen, die ich kopieren möchte.

Sie sind Leuchttürme.

Ein Leuchtturm geht meinen Weg nicht für mich.

Aber er hilft mir, meine Richtung nicht zu verlieren.

Genau deshalb braucht auch ein Lehrer Lehrer.

Ein Sensei braucht Mentoren.
Ein Meister braucht Vorbilder.
Und jeder Budōka braucht etwas, das größer ist als sein eigenes Ego.

Denn wer keine Vorbilder mehr besitzt, läuft Gefahr, irgendwann sich selbst zum Maßstab aller Dinge zu machen.

Und genau das widerspricht für mich dem Wesen des Dō.

Der wahre Weg macht uns nicht größer.

Er macht uns demütiger.

Denn je mehr ich nach all den Jahren verstehe, desto deutlicher erkenne ich, wie viel ich noch nicht verstanden habe.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse meines eigenen Weges:

Früher wollte ich Antworten finden.
Heute lerne ich, bessere Fragen zu stellen.

Deshalb suche ich weiter.

Nicht weil das, was meine Lehrer mir gegeben haben, unvollständig oder wertlos wäre.

Sondern weil sie mir gerade eines beigebracht haben:

Der Weg darf niemals bei mir enden.

Was ich erhalten habe, muss ich verstehen.

Was ich verstanden habe, muss ich weiterentwickeln.

Und was sich bewährt hat, muss ich an die nächste Generation weitergeben.

Daraus entsteht für mich die Verantwortung eines Lehrers.

Ein Lehrer ohne Richtung kann seinen Schülern keine Richtung geben.

Ein Dōjō ohne Fundament kann keinen Weg tragen.

Und ein Ego, das größer wird als das Dō, hat den Sinn des Budō bereits aus den Augen verloren.

Am Ende bleibe auch ich Schüler.

Nach all den Jahren.

Nach all den Lehrern.

Nach all den Erfahrungen.

Und vielleicht gerade deshalb.

Learn. Train. Understand. Transmit.

The Way Never Ends.

OSU!

Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede