Kapitel 11
Die wahre Erkenntnis – Karate als lebendiger Weg
Heute kommen wir zu der für mich wohl wichtigsten Erkenntnis meines gesamten Budō-Weges.
Seit 1980 trainiere ich Karate. Ich habe unzählige Stunden im Dōjō verbracht, tausende Techniken wiederholt, unzählige Kata gelaufen und viele großartige Meister kennenlernen dürfen. Doch erst nach Jahrzehnten wurde mir bewusst, dass Karate weit mehr ist als die perfekte Ausführung einer Bewegung.
Karate ist kein starres System. Karate ist ein lebendiger Weg.
Viele Menschen glauben, Karate bedeute vor allem, möglichst präzise Kata zu laufen. Sie trainieren jahrelang an der äußeren Form, an der Stellung der Füße, an der Höhe der Faust oder an der exakten Hüftrotation.
Natürlich ist all das wichtig.
Die Form ist das Fundament.
Doch sie ist niemals das Ziel.
Kata sind kein Selbstzweck. Sie sind auch keine Choreografie und keine historische Tanzform. Sie sind verschlüsselte Lehrbücher des Kampfes, über Generationen weitergegeben, damit ihre eigentliche Bedeutung nicht verloren geht.
Eine Kata muss verstanden werden.
Sie muss gelebt werden.
Sie muss hinterfragt werden.
Und irgendwann muss sie zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit werden.
Erst dann beginnt das eigentliche Karate.
Vom Gehorsam zur Erkenntnis
In vielen traditionellen Dōjōs wird zunächst eines gelehrt:
Tetsu no Koshi.
Die Hüfte.
Die Haltung.
Die exakte Linie.
Die gehorsame Wiederholung.
Der Meister korrigiert.
„Die Faust ist zu hoch.“
„Die Hüfte steht nicht richtig.“
„Dreh weiter ein.“
„Noch einmal.“
„Noch einmal.“
„Noch einmal.“
Auch ich bin diesen Weg gegangen.
Er hat mir Disziplin vermittelt.
Er hat mir Respekt gelehrt.
Er hat mein Fundament geschaffen.
Doch irgendwann stellte ich mir dieselbe Frage, die sich wahrscheinlich jeder ernsthafte Budōka irgendwann stellt:
Warum?
Warum genau diese Bewegung?
Warum genau dieser Winkel?
Warum endet die Technik an dieser Stelle?
Warum beginnt der nächste Schritt genau hier?
Und vor allem:
Gegen wen kämpfe ich eigentlich?
Die Begegnung mit einer neuen Welt

Im Laufe meines Weges durfte ich Karate aus vielen unterschiedlichen Perspektiven kennenlernen.
Ich trainierte bei Meister Taiji Kase.
Bei Meister Hiroshi Shirai.
Bei Lehrern in Italien und Nikosia.
Bei Meister Lothar Ratschke in Deutschland.
Und bei Meister Oblinger.
Jeder von ihnen vermittelte einen Teil des Weges.
Doch erst als ich vollständige Kata-Anwendungen erleben durfte – Renshū, Omote und vor allem Bunkai –, öffnete sich für mich eine völlig neue Welt.
Plötzlich war jede Bewegung logisch.
Plötzlich ergaben die Richtungswechsel Sinn.
Plötzlich wurde aus einer scheinbar einfachen Blockbewegung ein Hebel.
Aus einer Wendung wurde ein Wurf.
Aus einer Fausttechnik entstand ein Kontrollgriff.
Aus einer ganzen Kata wurde ein vollständiges Kampfsystem.
Ich begann zu verstehen, dass der eigentliche Schatz des Karate nicht an der Oberfläche liegt.
Er liegt zwischen den Bewegungen.
Kata beginnt erst dort, wo sie endet
Viele glauben, die Kata sei beendet, sobald die letzte Technik ausgeführt wurde.
Ich glaube heute das Gegenteil.
Die Kata beginnt erst in dem Moment, in dem sie endet.
Erst dann beginnt die eigentliche Forschung.
Wie verändert sich die Technik gegen einen größeren Gegner?
Wie verändert sie sich unter Stress?
Wie verändert sie sich in der Bewegung?
Wie funktioniert sie im Nahkampf?
Wie verändert der Atem ihre Wirkung?
Welche Rolle spielt die Distanz?
Welche der vielen möglichen Anwendungen entspricht der ursprünglichen Idee?
Diese Fragen begleiten mich bis heute.
Und genau deshalb trainiere ich auch nach über vier Jahrzehnten noch jeden Tag.
Nicht weil ich glaube, alles zu wissen.
Sondern weil ich jeden Tag erkenne, wie viel ich noch nicht weiß.
Karate lebt
Für mich besteht die größte Gefahr darin, Karate zu konservieren wie ein Museumsstück.
Ein Museumsstück darf nicht verändert werden.
Budō hingegen muss leben.
Die alten Meister haben ihre Systeme nicht erschaffen, damit wir sie gedankenlos kopieren.
Sie haben sie geschaffen, damit wir sie verstehen.
Denn auch sie selbst waren Suchende.
Auch sie entwickelten weiter.
Auch sie stellten Fragen.
Wenn wir nur kopieren, ehren wir sie nicht.
Wenn wir verstehen und verantwortungsvoll weiterentwickeln, setzen wir ihren Weg fort.
Tradition bedeutet nicht, die Asche zu bewahren.
Tradition bedeutet, das Feuer weiterzugeben.
Mein Karate
Heute laufe ich eine Kata nicht mehr nur mit den Beinen.
Ich laufe sie mit meinem gesamten Leben.
Mit den Erfahrungen aus Okinawa.
Mit den Begegnungen in Japan.
Mit den Stunden im Hombu Dōjō.
Mit den Gesprächen mit Kendōka, Kyūdōka und Iaidōka.
Mit jeder Zeile dieses Buches.
Mit jeder Unterrichtsstunde.
Mit jeder Trainingseinheit.
Mit jedem Fehler.
Mit jeder neuen Erkenntnis.
So entsteht langsam mein eigenes Karate.
Nicht gegen die Tradition.
Sondern auf ihren Schultern.
Denn das höchste Ziel ist nicht, den Meister perfekt zu kopieren.
Das höchste Ziel ist, eines Tages selbst Verantwortung für den Weg zu übernehmen und ihn an die nächste Generation weiterzugeben.
Die wahre Erkenntnis
Heute weiß ich:
Eine Kata ist kein Tanz.
Eine Kata ist kein Wettkampfprogramm.
Eine Kata ist kein starres Ritual.
Sie ist ein lebendiges Gespräch mit den Meistern vergangener Generationen.
Und dieses Gespräch endet niemals.
Der wahre Karateka hört nie auf zu lernen.
Er hört nie auf zu fragen.
Er hört nie auf zu forschen.
Denn genau darin liegt das Wesen des Dō.
Der Weg endet nicht am Ende einer Kata.
Der Weg beginnt dort.
Du bist da.
Karate ist da.
Budō ist da.
OSU
Renshi Mike Stein
