Karate-Dō und Selbstverteidigung – Verantwortung beginnt beim Lehrer

Karate-Dō und Selbstverteidigung – Verantwortung beginnt beim Lehrer

Seit Jahren beobachte ich Beiträge und Diskussionen, in denen versucht wird, Karate-Dō und Selbstverteidigung voneinander zu trennen.

Als wären es zwei verschiedene Welten.

Für mich ergibt diese Trennung wenig Sinn.

Karate entwickelte sich historisch auch als Kampf- und Selbstschutzkunst. Es entstand nicht für Pokale, Medaillen oder Punkte. Menschen beschäftigten sich mit Techniken, Prinzipien und Strategien, die im Ernstfall funktionieren sollten.

Deshalb gehört Selbstverteidigung für mich bis heute zum Karate.

Aber sie ist nicht das ganze Karate.

Genauso wie Wettkampfkarate nur einen Ausschnitt unseres Weges darstellt, ist auch reine Selbstverteidigung nur ein Teil eines wesentlich größeren Ganzen.

Karate-Dō geht tiefer.

Für viele Karateka beginnt die wirklich ernsthafte Beschäftigung mit Kata, Bunkai und den darin enthaltenen Prinzipien sogar erst dann, wenn die Wettkampfzeit langsam endet.

Plötzlich stellt man andere Fragen.

Warum bewege ich mich so?

Wo entsteht die Kraft?

Warum funktioniert eine Technik bei einem Menschen – und bei einem anderen nicht?

Welche Bedeutung haben Distanz, Winkel, Gleichgewicht, Struktur und Timing?

Wie verändert sich eine Bewegung, wenn mein Trainingspartner nicht kooperiert?

Und irgendwann wird aus dem bloßen Nachmachen ein Verstehen.

Genau hier beginnt für mich die große Verantwortung des Lehrers.

Ein Lehrer kann seinen Schüler langfristig nur so tief führen, wie sein eigenes Verständnis reicht.

Er kann Bewegungen vormachen.
Er kann Stellungen korrigieren.
Er kann Kata zählen und Prüfungsprogramme unterrichten.

Aber das allein macht noch keinen guten Lehrer.

Wer wirklich unterrichten möchte, muss sich selbst immer wieder mit den Prinzipien hinter der sichtbaren Technik auseinandersetzen:

Biomechanik.
Hüftarbeit – unser Tetsu no Koshi.
Hara.
Atmung.
Rotation.
Körperstruktur.
Distanz und Timing.
Das Zusammenspiel des gesamten Körpers.

Eine Faust schlägt niemals allein.

Der Arm ist nur das sichtbare Ende einer Bewegung, die durch den ganzen Körper läuft.

Fehlt dieses Verständnis, bleibt Karate leicht an der Oberfläche.

In meinen vielen Jahren auf diesem Weg habe ich immer wieder außergewöhnliche Karateka und Meister gesehen.

Technisch brillant.
Schnell.
Kraftvoll.
Beeindruckend anzusehen.

Doch nicht jeder hervorragende Karateka ist automatisch ein hervorragender Lehrer.

Manche können etwas meisterhaft ausführen, aber nicht erklären, warum es funktioniert.

Dann versucht der Schüler, das äußere Bild seines Lehrers zu kopieren.

Doch wir Menschen sind keine Kopien.

Wir haben unterschiedliche Körpergrößen, Proportionen, Beweglichkeiten, Erfahrungen, Stärken und Schwächen.

Wir sind Individualisten.

Darum darf ein guter Lehrer nicht versuchen, zehn Kopien seiner selbst zu produzieren.

Er sollte seinen Schülern vielmehr helfen, die Prinzipien zu verstehen, damit sie daraus ihr eigenes Karate entwickeln können.

Das ist für mich Lehren.

Und genau deshalb trägt ein Sensei Verantwortung.

Nicht dafür, möglichst viele Gürtel zu vergeben.

Nicht dafür, möglichst viele Pokale ins Dōjō zu stellen.

Sondern dafür, Menschen etwas mitzugeben, das tiefer reicht als die nächste Prüfung.

Wenn wir Menschen erreichen, die das Dōjō-Kun im Herzen tragen;

wenn Respekt, Disziplin, Bescheidenheit und Verantwortung wachsen;

wenn ein Schüler irgendwann nicht mehr nur fragt:

„Wie mache ich diese Technik?“

sondern:

„Warum funktioniert sie?“

dann haben wir als Lehrer etwas richtig gemacht.

Ich selbst trainiere weiter.

Jeden Tag.

Nicht weil ich glaube, angekommen zu sein.

Sondern gerade weil ich weiß, dass es immer noch etwas zu verstehen gibt.

Und dabei begleiten mich bis heute die einfachen Worte meines Meisters:

„Mike, du bist da.
Karate ist da.“

Vielleicht steckt darin mehr Karate-Dō als in tausend komplizierten Erklärungen.

Du bist da.

Karate ist da.

Also trainiere.
Beobachte.
Fühle.
Verstehe.
Und wenn deine Zeit gekommen ist, gib dein Wissen verantwortungsvoll weiter.

Denn Technik kann man zeigen.
Verständnis muss man entwickeln.
Und den Weg muss jeder selbst gehen.

OSU!
Renshi Mike Stein
Rin Dō Shinzen – Bärenschmiede

Der Weg endet nie. 🥋