Zwischen Dōjō und Realität liegen manchmal Welten

Zwischen Dōjō und Realität liegen manchmal Welten

Seit 46 Jahren stehe ich fast täglich im Dōjō.

Ich trainiere, unterrichte und lerne noch immer. Kumite, Kata und Selbstverteidigung begleiten meinen gesamten Weg.

Und doch muss ich manchmal schmunzeln.

Für mich war Karate von Anfang an auch Selbstverteidigung.

Heute gibt es jedoch unzählige kommerzielle Lehrgänge, Zertifikate und Wochenendseminare, die den Eindruck vermitteln, man könne in wenigen Stunden eine „sichere Messerabwehr“ oder die garantierte Entwaffnung eines Angreifers erlernen.

Darüber musste ich vor einiger Zeit gemeinsam mit einem guten Freund lachen.

Er war viele Jahre Angehöriger einer Spezialeinheit und Ausbilder beim SEK. Trotz seiner umfangreichen praktischen Erfahrung müsste selbst er für manche Angebote zunächst einen zusätzlichen Schein erwerben.

Das zeigt, wie weit Theorie und Wirklichkeit manchmal auseinanderliegen.

Besonders kritisch sehe ich Werbeaussagen wie:

„Sichere Messerabwehr“ oder „garantierte Entwaffnung in wenigen Trainingseinheiten.“

Die Realität sieht anders aus.

Ich habe selbst praktisch in São Paulo trainiert – einer Stadt, in der viele Menschen legal Macheten mit sich führen.

Diese Erfahrungen haben mich vor allem eines gelehrt:

Demut.

Ein entschlossener und geübter Messerangreifer ist extrem gefährlich.

Ein echter Angriff ist:

  • schnell,
  • chaotisch,
  • unberechenbar
  • und oft vorbei, bevor man überhaupt verstanden hat, was geschieht.

Wer glaubt, nach einem Wochenendseminar einen bewaffneten Angreifer sicher kontrollieren zu können, unterschätzt die Realität.

Natürlich kann Training helfen.

Es verbessert Wahrnehmung, Reaktionsfähigkeit und Entscheidungsverhalten.

Aber es gibt keine Garantie.

Deshalb lege ich in meinem Unterricht den Schwerpunkt auf das, was tatsächlich Leben retten kann:

  • Gefahren frühzeitig erkennen,
  • Abstand schaffen,
  • Fluchtwege nutzen,
  • deeskalieren,
  • Konflikte vermeiden.

Das ist keine spektakuläre Vorführung.

Aber es ist verantwortungsvolles Budō.

Ich stelle meinen Schülern oft eine einfache Frage:

„Was wäre, wenn der Krankenwagen bereits vor der Tür stehen würde – und ich wäre der Angreifer?“

Dann wird vielen erst bewusst, wie ernst eine solche Situation tatsächlich ist.

Budō bedeutet für mich nicht, Illusionen zu verkaufen.

Budō bedeutet, die Realität anzuerkennen.

Verantwortung zu übernehmen.

Und Menschen ehrlich auf Gefahren vorzubereiten.

Nicht jede Auseinandersetzung muss gewonnen werden.

Manchmal besteht der größte Sieg darin, überhaupt nicht kämpfen zu müssen.

Nach 46 Jahren auf diesem Weg bin ich mehr denn je davon überzeugt:

Die wichtigste Technik ist oft nicht der perfekte Block oder die perfekte Entwaffnung.

Sondern die kluge Entscheidung, gar nicht erst in einen Kampf zu geraten.

Fazit

Nach 46 Jahren auf dem Weg des Budō habe ich für mich eine klare Entscheidung getroffen:

In meinem Dōjō wird es keine unrealistischen Messerabwehr-Shows mit Gummimessern geben, die den Eindruck vermitteln, ein bewaffneter Angriff ließe sich sicher kontrollieren.

Die Realität auf der Straße ist nicht planbar.

Ein Messerangriff ist schnell, chaotisch und lebensgefährlich.

Wer glaubt, nach wenigen Trainingseinheiten einen entschlossenen Angreifer zuverlässig entwaffnen zu können, geht ein enormes Risiko ein.

Wenn jemand davon überzeugt ist, jede Situation beherrschen zu können, respektiere ich seine Meinung.

Meine Erfahrung lehrt mich jedoch etwas anderes.

Darum liegt mein Schwerpunkt auf:

  • Prävention,
  • Gefahren erkennen,
  • Abstand schaffen,
  • Deeskalation,
  • Fluchtmöglichkeiten nutzen
  • und verantwortungsbewusstem Handeln.

Ich sage meinen Schülern offen:

Die beste Messerabwehr ist oft, gar nicht erst in Reichweite eines Messers zu geraten.

Wenn es die Situation zulässt, ist Weglaufen keine Schwäche.

Es kann die klügste und mutigste Entscheidung sein.

Und wenn ich einem Menschen einen praktischen Rat geben dürfte, dann wäre es nicht die Suche nach der perfekten Entwaffnungstechnik.

Sondern:

Investiere lieber in Aufmerksamkeit, Prävention und – sofern rechtlich zulässig und verantwortungsvoll – in geeignete Selbstschutzmittel sowie in deren sachgerechte Anwendung.

Budō bedeutet für mich nicht, falsche Sicherheit zu verkaufen.

Budō bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und die Realität anzuerkennen.

Der größte Sieg ist manchmal der Kampf, der niemals stattfinden musste.

OSU

Renshi Mike Stein
6. Dan – Bärenschmiede Karate-Dō